Lucas di Grassi: Der Vordenker unter den Formel-E-Piloten im Interview 4 Minuten Lesezeit
Formel E

Lucas di Grassi: Der Vordenker unter den Formel-E-Piloten im Interview

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Dritter. Zweiter. Erster. Zweiter. Der Brasilianer Lucas di Grassi dokumentiert schon mit seinen Meisterschafts-Endplatzierungen, was für ein außergewöhnlich guter Pilot er in der ABB FIA Formula E Championship ist. Im Interview mit Motorsport-Journalist Enzinger spricht der 34-jährige Ex-Formel-1-Pilot über sein Lebenswerk: die Formel E in ihren Anfängen und als Serie der Zukunft.

Der Audi-Werksfahrer Lucas di Grassi, der auch Geschäftsführer von Roborace ist, gilt als der Vordenker und Visionär der Elektro-Serie, war er doch 2012 der erste Pilot, der sich für diese zukunftsträchtige Art des Rennfahrens entschieden hat.

 

Copyright: Audi Communications Motorsport

Sie sind eine der verbliebenen Pioniere der ersten Saison der Formel E und seit dem ersten Rennen dabei. Jetzt, mit der Season 5, gibt es einen großen Modernisierungsschub und eine neue Generation von Rennwagen. Welche Emotionen löst das in Ihnen aus?

Lucas di Grassi: Reden wir erst mal vom Beginn. Ich war der erste Fahrer überhaupt, der sich für die Formel E entschieden hatte, da war noch nichts da, dass man angreifen oder gar bewegen hätte können. Als ich damals angefangen habe, hat es davor noch nie ein elektrisches Rennauto gegeben. Also wusste keiner, was zu erwarten war. Die Folge: Wir allen waren sehr konservativ beim Design des Autos – und verwendeten Technik, die eben schon da war. Und wenn man den Entwicklungszyklus bedenkt bis hin zur Produktion und dann die vier Jahre, in denen wir mit der ersten Generation Autos unterwegs waren, dann war das eben jetzt schon wieder veraltet. Vor allem die Batterie-Technologie, die ja aus dem Jahr 2013 stammte und die uns dazu zwang, mit zwei Autos das Rennen zu bestreiten. Das Konzept war sehr simpel, der große Unterschied waren der E-Motor und die Batterie.

"Alles zusammen war die Serie aber schnell ein großer Erfolg. Und jetzt warten alle gespannt, was nun passiert – mit komplett neuen Fahrzeugen."
Lucas di Grassi

Sie sind quasi alles gefahren: Formel 1, LMP1, DTM. Was unterscheidet die Formel E rein fahrerisch von all diesen Serien?

Also im Vergleich zur Formel 1 gibt es einen dramatischen Unterschied. Bei der Formel E ist es das Ziel und das Bestreben der Organisatoren, die Regeln so zu gestalten, dass alle Fahrer mehr oder weniger das gleiche Material zur Verfügung haben. Daher haben wir gute Rennen – nicht wie in der Formel 1, wo der Letzte manchmal pro Runde fünf Sekunden langsamer ist als der Erste und nicht den Funken einer Chance hat – egal wer fährt. Bei uns liegen das beste und das schlechteste Auto vielleicht eine halbe Sekunde auseinander – das sind Unterschiede, die das Team durch gute technische Arbeit erarbeiten kann. Aber sie sind immer noch gering genug, dass der Fahrer vieles davon selbst kompensieren kann. Darum ist das Fahren hier für mich auch viel schöner als in der Formel 1: Hier kann ich ununterbrochen um gute Platzierungen kämpfen, in meinem unterlegenen Auto in der Formel 1 konnte ich bei besonders guter Fahrt 15. werden statt 16. Mehr Erfolge gab es nicht.

"Ich war damals der erste, der sich dazu bekannte und kaum einer zog sofort nach. Heute würden 100 Rennfahrer sofort und liebend gerne in dieser Meisterschaft fahren. "
Lucas di Grassi

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Was natürlich auch eine Folge davon ist, dass die Rennwagen schneller und attraktiver werden.

Ja, obwohl sich das Design in Zukunft sicher noch mehr in Richtung E-Fahrzeuge orientieren kann. Was die Ladekapazitäten betrifft, sind die Möglichkeiten sehr groß: Stellen sie sich vor, die Leistung wurde in nur fünf Jahren verdoppelt. Und diese Entwicklung geht noch eine Zeitlang so weiter – man kann ahnen, was nach weiteren fünf Jahren alles möglich sein wird. Das gilt auch für das Interesse der Sponsoren. Schon jetzt sind mehr als 50 Partner hier sehr massiv aktiv, das Umfeld ist sehr populär.

Beim Werben von hochkarätigen Sponsoren besiegt die Formel E die Formel 1 immer öfters. Wann aber wird die Formel E auch in Sachen Popularität bei den Fans zur bisherigen Königsklasse aufschließen können?

Das öffentliche Interesse ist etwas differenziert zu betrachten, man muss sich das vorstellen, wie es wäre, wenn plötzlich eine andere Art von Fußball erfunden wird. Selbst wenn der neue Sport besser ist, würden die Leute trotzdem noch lange den konventionellen Sport schauen. Es dauert Generationen, um kulturelle Eigenschaften zu ändern. Der Hardcore-Fan im Motorsport wird nur sehr ungerne seine bisherigen Vorlieben ändern, wenn er sein ganzes Leben mit der Formel 1 verbracht hat. Aber die junge Generation, die davor nie andere Rennen besucht hat, die wird schnell Gefallen an der Formel E und ihre Innovationen finden. So wie es mir 2012 ergangen ist. Damals war ich der vierte Mensch, der in der Formel E zu arbeiten begann. Das waren wir: Alejandro Agag, der Seriengründer, unser Freund Alberto, seine Sekretärin – und ich (lacht). Aber es war für mich klar, dass das Potenzial hat, weil Elektroautos auf der Straße gefragt sind. Die Automobilindustrie musste daher rasch Gefallen an der Formel E finden. Dass es aber so schnell geht, das fasziniert uns alle.

 

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Gerald Enzinger