Intro
Host: Willkommen zu Wire Insights, dem Podcast von voestalpine Wire Technology. Hier sprechen wir über Entwicklungen, Technologien und Lösungen, die unsere Branche prägen – von der Werkstofftechnik bis zur industriellen Anwendung. Sie erhalten fundierte Einblicke in aktuelle Projekte und deren praktische Bedeutung.
In dieser Episode widmen wir uns einem Thema, das für die Drahtproduktion und die gesamte Wertschöpfungskette entscheidend ist: Prüfkompetenz beim Draht.
Warum ist die Prüfung am Draht so wichtig? Welche Technologien kommen zum Einsatz? Und wie beeinflusst sie Qualität, Effizienz und Nachhaltigkeit? Wir geben Ihnen einen tiefen Einblick – von bewährten Verfahren bis hin zu KI-gestützten Lösungen.
Prüfkompetenz ist ein strategischer Hebel für Qualitätssicherung. Sie ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Oberflächenfehlern, sichert die Einhaltung von Kundenanforderungen und reduziert den CO₂-Footprint durch weniger Ausschuss.
Dazu begrüße ich zwei Expert:innen: Stefan Brandtner und Claudia Gruber, beide spezialisiert auf Mess- und Prüftechnik.
Vorstellung und Einstieg
Host: Herr Brandtner, beginnen wir mit Ihnen. Würden Sie sich kurz vorstellen?
Brandtner: Sehr gerne. Ich arbeite seit über 13 Jahren bei voestalpine und beschäftige mich intensiv mit der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung, speziell mit der Wirbelstromprüfung an kalt- und warmgewalzten Drähten. Derzeit leite ich zwei Projekte zur Inline-Oberflächenprüfung am Heißdraht. Wir setzen dabei auf ein modernes Eddy-Current-System und unser selbst entwickeltes KI-basiertes Prüfsystem „Falconn“. Damit kombinieren wir klassische Prüftechnik mit High-Speed-Kameras und KI-gestützter Fehlererkennung – ein Konzept, das es so am Markt nicht gibt.
Host: Vielen Dank. Frau Gruber, was gehört zu Ihrem Aufgabenbereich?
Gruber: Mein Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau von Prüftechnik-Know-how und der Entwicklung innovativer Systemlösungen für die Implementierung in den Fertigungslinien einerseits aber auch für die nachgelagerte Qualitätsprüfung andererseits. Aktuell arbeite ich an zwei Projekten: der Umstellung der Stauchprobenprüfung auf ein objektives Messverfahren und der Entwicklung eines hybriden Prüfsystems für die Drahtzieherei in Bruck an der Mur. Ziel ist es, verschiedene Technologien wie Wirbelstromprüfung, optische Systeme und Datenanalyse zu kombinieren, um höchste Qualität und Prozesssicherheit zu gewährleisten.
Teil 1 – Bedeutung der Prüfkompetenz am Draht
Host: Herr Brandtner, warum ist die Prüfung am Draht so wichtig?
Brandtner: Unsere Drähte sind die Basis für hoch anspruchsvolle Endprodukte – vom Automotive-Bereich über Energieanwendungen bis zur Bauindustrie. Neben anderen qualitativen Anforderungen ist die Oberflächenqualität ist entscheidend. Die Inline-Prüfung am Heißdraht ermöglicht es, diese Qualität direkt im Prozess zu überwachen. Je früher wir Abweichungen erkennen, desto schneller können wir reagieren – das spart Ressourcen, reduziert Ausschuss und senkt den CO₂-Fußabdruck.
Host: Wie wirkt sich das konkret aus?
Brandtner: Ohne Inline-Prüfung würden wir Oberflächenfehler erst am Ende des Prozesses entdecken. Die Zeit bis dahin würden wir unerkannt Ausschuss produzieren. Mit Inline-Prüfung verkürzen wir die Reaktionszeit erheblich. Das bedeutet weniger Materialverlust, geringeren Energieverbrauch und eine deutliche CO₂-Reduktion.
Qualität beginnt nicht am Ende, sondern im Prozess. Wenn wir Fehler frühzeitig erkennen, vermeiden wir nicht nur Schrott, sondern sichern auch die Stabilität der Kundenprozesse – das ist ein entscheidender Faktor für die Kundenzufriedenheit.
Und wichtig: Wir sprechen von 100 % geprüften Drähten. Das bedeutet, dass jeder Meter kontrolliert und dokumentiert wird, aber nicht notwendigerweise, dass jeder Meter fehlerfrei ist.
Teil 2 - Technologien im Einsatz – von Wirbelstrom bis KI
Host: Frau Gruber, welche Technologien kommen heute bei der Oberflächenprüfung zum Einsatz?
Gruber: Wir setzen auf einen hybriden Ansatz: Wirbelstromprüfung, optische Inspektion und KI-gestützte Bildverarbeitung. Die Wirbelstromprüfung erkennt Oberflächendefekte wie Risse und Ungänzen und umfasst dabei entsprechende Tiefeninformation. Allerdings gibt es kaum bis keinen Aufschluss bzgl. der Defektart. High-Speed-Kameras erfassen die gesamte Drahtoberfläche, und KI analysiert die Bilder in Echtzeit, erkennt Muster und klassifiziert Fehler. So schließen wir Lücken, die eine einzelne Technologie nicht abdecken kann.
Host: Welche Vorteile bringt dieser hybride Ansatz?
Gruber: Er ermöglicht nicht nur die präzise Fehlererkennung, sondern auch eine fundierte Ursachenanalyse – ein entscheidender Schritt für die kontinuierliche Prozessoptimierung. Durch die Kombination dieser Technologien können wir Oberflächenfehler erstmals sichtbar machen und deren Entstehung nachvollziehen.
Host: Wie setzen Sie diesen Ansatz praktisch um?
Gruber: Wir entwickeln derzeit einen Prototyp für die Kleinprofilwalzanlagen der Drahtzieherei in Bruck an der Mur. Dort verknüpfen wir Prüfdaten in Echtzeit, um Produktionsunterbrechungen zu vermeiden und Fehlerursachen schneller zu identifizieren. Die größte Herausforderung liegt in der Echtzeitfähigkeit: Bei Produktionsgeschwindigkeiten von rund 1 m/s müssen Bilder mit einer Auflösung von 20 µm pro Pixel innerhalb von 0,3 Sekunden verarbeitet werden. Das erfordert leistungsstarke IT-Systeme und perfekt abgestimmte Prozesse.
Host: Wie erfolgte die Auswahl des optischen Prüfsystems?
Gruber: Wir haben verschiedene Anbieter geprüft und uns für eine Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik entschieden. Fraunhofer verfügt über umfassendes Know-how und hat bereits ein optisches Drahtprüfsystem entwickelt. Gemeinsam konnten wir ein Inspektionssystem konzipieren, das unsere Anforderungen erfüllt und sich optimal in den hybriden Prüfansatz integrieren lässt.
Besonders wichtig ist uns, dass die gesamte Drahtoberfläche – auch bei Profilen mit innenliegenden Nuten – lückenlos überwacht wird. Dafür setzen wir sechs Kameras in Umfangsrichtung ein. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Synchronisation der Bildaufzeichnung mit der Wirbelstromprüfung. So können wir auch periodische Anomalien erkennen und entsprechende Folgeaktionen definieren.
Host: Herr Brandtner, Sie arbeiten an einem ähnlichen Projekt. Warum war hier eine Eigenentwicklung notwendig?
Brandtner: Am Markt gibt es kein System, das unsere Anforderungen im Walzwerk erfüllt. Dank unseres Know-hows in Digitalisierung und Prozesstechnik konnten wir gemeinsam mit externen Partnern eine maßgeschneiderte Lösung entwickeln. Eigenentwicklung bedeutet für uns Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Systeme exakt auf unsere Prozesse und Qualitätsziele abzustimmen.
Lange Oberflächenfehler wie Riefen oder Längsrisse lassen sich mit klassischer Eddy-Current-Differenzmessung, wie sie weltweit bei solchen Prozessen eingesetzt wird, nicht zuverlässig erkennen. Falconn ergänzt diese Prüfung durch KI-gestützte, kamerabasierte Fehlererkennung mit lückenloser Bildaufzeichnung der gesamten Drahtoberfläche per High-Speed-Kameras. Dabei entstehen enorme Datenmengen die in einem eigenen Storage-System mit zwei Petabyte Kapazität verarbeitet werden. Ein vergleichbares Konzept gibt es derzeit nicht am Markt.
Teil 3 - Nutzen für Kund:innen und Markt
Host: Frau Gruber, welchen Vorteil haben Kund:innen von dieser Prüftechnik?
Gruber: Unsere Kund:innen profitieren von stabilen Prozessen und einer verlässlichen Oberflächenqualität. Fehlerhafte Bereiche werden frühzeitig erkannt und intern korrigiert, bevor das Produkt ausgeliefert wird. Das reduziert Stillstände und senkt die Kosten.
Die Digitalisierung ermöglicht zusätzlich einen digitalen Zwilling des Produkts – eine lückenlose Dokumentation für Rückverfolgung und Qualitätssicherung. Gleichzeitig sichern wir unsere Qualitätsführerschaft, reduzieren Ausschuss und senken den Energieverbrauch. Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit.
Brandtner: Unsere Aufgabe ist es, Kundenanforderungen vollständig zu erfüllen. Absolute Fehlerfreiheit bei Draht von bis zu 20 Kilometern Länge ist nicht immer möglich. Entscheidend ist, definierte Grenzwerte einzuhalten und die exakte Position von Fehlern zu kennen. Mit diesen Informationen können wir problematische Bereiche oft bereits intern beseitigen. Für Kund:innen bedeutet das, stabile, ausfallsichere Prozesse und damit einen klaren Kostenvorteil.
Teil 4 - Digitalisierung und Zukunft
Host: Frau Gruber, Sie haben kurz Digitalisierung und digitaler Zwilling erwähnt, welche Rolle spielen diese Themen?
Gruber: Digitalisierung spielt eine zentrale Rolle. Prüfsysteme liefern Messdaten, Produktionsanlagen Prozessinformationen – diese müssen zusammengeführt werden. Mit Hilfe von KI können wir Anomalien erkennen, Ursachen ableiten und Handlungsempfehlungen in Echtzeit geben. Das ist der Weg zu Predictive Quality und langfristig zu autonomen Prozessen.
Ein wesentlicher Bestandteil ist der digitale Zwilling des Produkts. Er ermöglicht nicht nur eine lückenlose interne Qualitätssicherung, sondern bietet auch unseren Kund:innen neue Möglichkeiten – von der Rückverfolgung bis zur Integration in nachgelagerte Produktionsprozesse.
Host: Wie sieht die Zukunft aus?
Brandtner: Der nächste Schritt ist die vollständige Integration von KI in die Fehlererkennung. Unser Ziel ist es, nicht nur Fehler zu identifizieren, sondern auch deren Ursachen zu bestimmen. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Predictive Maintenance und eine gezielte Prozessoptimierung.
Gruber: Langfristig liegt der Fokus auf der Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Stahlproduktion bis zum gezogenen Draht. Ein durchgängiges Datenmodell ermöglicht es, Qualität zu sichern, Ressourcen effizienter zu nutzen und die CO₂-Bilanz nachhaltig zu verbessern.
Outro
Host: Prüfkompetenz ist mehr als ein technischer Schritt – sie ist ein strategischer Hebel für Qualität, Effizienz und Nachhaltigkeit. Heute haben wir gehört, wie voestalpine Wire Rod Austria mit innovativen Lösungen Maßstäbe setzt: von Wirbelstromtechnik über KI bis hin zu hybriden Prüfsystemen. Vielen Dank an Stefan Brandtner und Claudia Gruber für die wertvollen Einblicke.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website der voestalpine Wire Technology oder nehmen Sie direkt Kontakt mit uns auf. Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Episode von Wire Insights.