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Schiene: Die zentrale Schnittstelle im Gleissystem

24. März 2026 | 

Schienen sind auf extreme Belastungen und lange Lebensdauer ausgelegt.  Auf Nebenstrecken können sie bis zu 50 Jahre im Einsatz sein, auf Hauptstrecken rechnet man bis zu 35 Jahren. Doch steigende Verkehrsbelastungen, höhere Anforderungen an Verfügbarkeit und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele verändern die Rahmenbedingungen. Sören Röhrig, Produktmanager bei voestalpine Railway Systems, über technologische Entwicklungen und den Weg zur grünen Schiene.

Herr Röhrig, welche technologischen Entwicklungen bei Schienen tragen dazu bei, die Lebensdauer und Sicherheit des Gleissystems zu erhöhen?

Grundsätzlich bestimmen drei Faktoren die Schiene: Länge, Form (Profil) und Werkstoff. Was die Schienenlänge angeht, da hat voestalpine Railway Systems mit ihrer 120 Meter-Schiene bereits Maßstäbe gesetzt. Die Schienenlängen anderer Hersteller liegen bei 74 oder 108 Metern. Wir sind mittlerweile – gemeinsam mit einem Mitbewerber – die einzigen Hersteller, die eine Länge von 120 Metern anbieten. Dadurch reduzieren wir die Anzahl der Schweißungen erheblich – von zehn bis zu hundert Schweißstößen pro Baustelle. Jede Schweißung bedeutet zusätzlichen Aufwand in Bau und Instandhaltung und stellt eine potenzielle Schwachstelle dar. Da haben wir also einen wesentlichen Beitrag geleistet, die Robustheit des Gleises und die Sicherheit zu erhöhen.

Wie beeinflussen unterschiedliche Schienenprofile die Performance des Gleises?

Wir bieten das größte Portfolio am Markt an - mit über 130 unterschiedlichen Schienenprofilen. Von klassischen Eisenbahnschienen über Straßenbahnschienen bis hin zu Konstruktionsprofilen für den Weichenbau. Es gibt Parameter am Schienenkopf, auf die wir achten können, um die Performance zu steigern. Wir haben zum Beispiel den Schienenkopf, der den Berührkontakt zwischen Rad und Schiene beeinflusst.

Wir sind gerade dabei ein Schienenprofil zu entwickeln, das den Berührkontakt verbessert. Sprich: er sollte möglichst breit und an der richtigen Stelle sein, damit Kräfte optimal verteilt werden - und das auch bei sehr unterschiedlichen Radprofilen. Das wirkt sich nicht nur schonend auf die Schiene aus, sondern letztendlich auch auf den Schotter. In der Bogenfahrt werden bei der richtigen Berührgeometrie die Querkräfte reduziert, sodass diese weniger stark an den Schotter und an andere Komponenten des Oberbaus weitergegeben werden. Es geht sogar so weit, dass wir mit einer entsprechenden Kopfkontur das Rad schonen können.

Welche Bedeutung hat die Werkstoffentwicklung und wie groß ist der Einfluss auf die Schienen?

Durch die Nähe zum Stahlwerk in Donawitz legen wir seit jeher ein besonderes Augenmerk auf den Werkstoff. Mit gezielter Werkstoffentwicklung und einem tiefen Verständnis des Rad-Schiene-Systems haben wir werkstoffliche Lösungen für typische Schädigungs- und Abnutzungserscheinungen entwickelt. Wir arbeiten auch intensiv mit Simulationen, um Kontaktspannungen und Schädigung zu verstehen und zu prognostizieren. Dafür benötigen wir Messungen von Schienen- und Radprofilen und deren Entwicklung über die Zeit. Letztendlich zeigt die Praxis den Erfolg: Verlängern sich Instandhaltungszyklen und Schienenliegedauer, wissen wir, dass wir richtig liegen.

Wie wirkt sich die Performance der Schiene auf das Gesamtsystem aus?

Die Schiene spielt im Gesamtgleis eine entscheidende Rolle. Sie kann andere Komponenten wie Zwischenlagen, Schwellen oder Schotter schonen. Ziel ist daher nicht nur eine längere Liegedauer der Schiene, sondern die Optimierung des gesamten Oberbaus. Die statischen Eigenschaften der Schiene – etwa Höhe oder Schienenfußbreite – sind hier entscheidende Parameter. Über die Fußbreite lassen sich Spannungen und Kräfte auf die Zwischenlagen besser verteilen, was sich auch positiv auf andere Komponenten auswirkt. Bei unserem neuen Oberbausystem haben wir deshalb gezielt das Verhältnis zwischen Auflagefläche und Höhe optimiert. Nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit allen Komponenten. Das ist unser langfristiges Ziel: an das Gesamtsystem zu denken.

Wie unterstützt voestalpine Railway Systems Kund:innen, die Lebensdauer der Schiene zu erhöhen?

Wir empfehlen das Produkt für den jeweiligen Anwendungsfall und entwickeln gemeinsam Instandhaltungsempfehlungen zum optimalen Zeitpunkt. Unsere digitalen Systeme sowie Messsysteme und unser Know-how helfen zukünftig dabei, die Schiene möglichst lange nutzen zu können. Damit leisten wir auch einen klaren Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Wo wir beim Thema Nachhaltigkeit sind, voestalpine möchte mit greentec steel bis 2050 eine Stahlproduktion mit Net-Zero-CO2-Emissionen erreichen. Die Schiene besteht zu 100% aus Stahl – daher betrifft uns der Umstieg besonders. Aber unsere Forschungsprojekte und unsere strengen Qualitätskontrollen zeigen klar: Der Kunde wird in der Qualität keinen Unterschied feststellen, ob der Stahl für die Schiene mithilfe eines Hochofens oder Elektrolichtbogenofens hergestellt wurde. Der entscheidende Vorteil liegt in der deutlich geringeren CO2-Emission. Das ist unser Beitrag zur grünen Schiene und zur klimafreundlichen Bahn.

Wie weit ist voestalpine Railway Systems, wenn es um das Recyclen von Schienen geht?

Der große Vorteil der Schiene: sie ist zu 100% recyclebar. Deshalb sind wir auch bestrebt, eine Kreislaufwirtschaft mit unseren Kunden aufzubauen. Gemeinsam mit der niederländischen Staatsbahn, der ProRail, haben wir zum Beispiel ein Projekt umgesetzt. Wir haben Altschienen der ProRail zurückgenommen und daraus dann bei uns - nahezu ohne zusätzliche Legierungselemente – neue Schienen produziert. Die haben wir dann wieder in die Niederlande geschickt. Demnächst werden sie dort eingebaut.

Über den Experten

Sören Röhrig leitet seit 2020 das Produktmanagement im Bereich Schiene. Neben seiner Rolle als technische Ansprechperson für Kund:innen verantwortet er maßgeblich die Zulassung und Betriebserprobung neuer Produkte. Besonders motiviert ihn das Ziel, eine Schiene zu etablieren, die das Potential hat, das Instandhaltungswesen grundlegend zu verändern und damit die Verfügbarkeit von Zügen deutlich zu erhöhen.