voestalpine Precision Strip AB in Schweden: Geburtsstunde am Klarälven 3 Minuten Lesezeit
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voestalpine Precision Strip AB in Schweden: Geburtsstunde am Klarälven

Christopher Eberl
Christopher Eberl ist redaktionell verantwortlich für die Themen am Blog sowie für die Lehrlingswebsite. Mit seinen Geschichten gewährt er tiefe Einblicke in die vielfältige Welt des voestalpine-Konzerns.

Die voestalpine Precision Strip kennt man als hochagiles Unternehmen. Da ist es kaum zu glauben, dass der Stahlstrip-Spezialist mit schwedischen Wurzeln das biblische Alter von 350 Jahren erreicht hat.

Mit reichen Erzvorkommen und jeder Menge Energie in Form von Holz und Wasser ist das Värmland im Schweden des 17. Jahrhunderts wie für die Stahlerzeugung geschaffen. Das weiß auch Johan Börjesson, der sein Amt als Bürgermeister der Bezirksstadt Karlstad mit Entrepreneurship verbindet: In der nahen Landgemeinde Munkfors 1670 errichtet er ein kleines Hammerwerk, das mit der Kraft der Flusswasserfälle am Klarälven Roheisen zu Stangenware umformt. Börjesson selbst mag keinen Gedanken an jene ferne Zukunft verschwendet haben, in der seine Gründung Teil eines weltweit tätigen Konzerns mit Niederlassungen in über 50 Ländern und rund 49.000 Mitarbeitern sein wird – doch er ist geschäftstüchtig genug, die kleine Anlage in Munkfors dauerhaft zu etablieren.

Geheimsache Kaltwalzen

1818 geht dort der erste Hochofen in Betrieb. Ab 1869 verklingen die Hammerschläge am Klarälven nach und nach, als Walzen die Arbeit des Hammers und die Geschäftsleute der Uddeholms AB das kleine Werk übernehmen. Über 200 Jahre nach Johan Börjesson ist es von 1880 an dann der legendäre Metallurg und Werksleiter Gustaf Jansson, der in Munkfors Geschichte schreibt: Sagenhafte 50 Jahre lang, in denen er das Walzwerk in Munkfors zum Weltmarktteilnehmer macht. Unter Janssons Regie versucht man sich in Munkfors kurz nach seinem Einstand unter strenger Geheimhaltung auf selbstgebauten Anlagen am Kaltwalzen. Auf dem klassischen Weg von Versuch und Irrtum bekommen Jansson und seine Mitarbeiter die neue Technik schließlich in den Griff. Die Begeisterung, die die Ergebnisse hervorrufen, kann man heute nur mehr schwer nachvollziehen. Doch so hauchdünnen, exakt gearbeiteten und glatten Stahl wie diesen hat man damals noch nicht gesehen.

Poliermaschine von 1930

Eine Poliermaschine in Munkfors Mühle in Värmland, Kallvalsverket im Jahr 1930.

Im Geschäft mit King Gillette

Vier Jahre nach seinem Arbeitsbeginn wird Jansson 1884 im Alter von erst 34 zum Geschäftsführer des Werks bestellt, das sich der Nachfrage nach kaltgewalztem Stahl ab 1890 kaum mehr erwehren kann. In Munkfors reagiert man darauf mit einem Neubau. 1893 fällt der Produktionsstartschuss im neuen Walzwerk am Laxholmen. Dort wird fortan Stahl geglüht, kaltgewalzt, gehärtet, wärmebehandelt und zugeschnitten – wenige Jahre später unter anderem für den amerikanischen Rasierklingenfabrikanten King C. Gillette.

Firmenstandort 1905

Aufnahme vom Firmenstandort aus dem Jahr 1905.

Über BÖHLER zur voestalpine

Dass Gillette zu Janssons Großkunde Nummer eins wird, ist mehr als bloß glücklicher Zufall: Der weltläufige Jansson hat als blutjunger Ingenieur bereits vier Jahre im Stahlwerk von Washburn & Moen in den USA gearbeitet und sich über die englische Sprache hinaus ein umfassendes Verständnis für die US-Wirtschaft angeeignet.

Gießerei 1930

Stahlgießen in der Gießerei, 1930.

Der Geschäftserfolg verlangt nach weiteren Investitionen: 1931, drei Jahre vor Janssons Tod, übersiedelt das Werk vom Ufer des Klarälven landeinwärts an einen neuen, ungleich größeren Standort in Munkfors. Dort sind Janssons Nachfolger noch heute tätig: Ab 1991 unter der Flagge BÖHLER Uddeholm, seit 2015 unter dem Namen voestalpine Precision Strip AB.

Christopher Eberl