Den Markt überflügeln: Die Entwicklung der voestalpine Aerospace 4 Minuten Lesezeit
Luftfahrt

Den Markt überflügeln: Die Entwicklung der voestalpine Aerospace

Volkmar Held

Seit gut drei Jahrzehnten engagiert sich voestalpine verstärkt im Luftfahrt-Geschäft und kann dabei auf weiter zurückliegende Erfahrungen ihrer Tochtergesellschaften zurückgreifen.

Aircraft front viewDie Marktprognosen verheißen dem Luftfahrt-Geschäft einen anhaltenden Steigflug. Bis zur Mitte der 2030er-Jahre soll seine durchschnittliche Wachstumsrate bei 3,5 % liegen; bis dahin wird ein Bedarf von über 38.000 Flugzeugneubauten angenommen. Seit gut drei Jahrzehnten engagiert sich voestalpine verstärkt im Geschäftsfeld Aerospace.

 

Die frühen Jahre

Die Akquisitionen der privatisierten voestalpine bewirkten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur eine intelligente Verlängerung der Wertschöpfungskette. Mit der Angliederung traditionsreicher Unternehmen wurden auch Material- und Marktkompetenzen sowie technologisches und Vertriebs-Know-how zusammengeführt, was die Komposition der Marktsegmente nachhaltig veränderte.

So reicht durch die 2007 erfolgte Übernahme der US-amerikanischen Roll Forming Corporation (RFC) die Aerospace-Geschichte des Konzerns auf das Jahr 1949 zurück. Es markiert den Beginn der RFC-Lieferungen von Profilen an die Luftfahrtindustrie; 20 Jahre später begann die enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit dem Luftfahrtgiganten Boeing.

Der Erfolg wird geschmiedet

Farnborough

Farnborough

Paris Airshow 2015

Paris Airshow 2015

Mit der Vereinigte Edelstahlwerke AG (VEW, ab 1988 BÖHLER) begannen die österreichischen Produktionsstandorte in den 1980er-Jahren den zaghaften Einstieg in das Luftfahrtgeschäft; vorerst überschritten die Umsätze die Grenze von 10 Mio. Euro nicht. Die Investition in modernste – und größte – Schmiedetechnik ließ aber das Selbstvertrauen und die Marktzuversicht wachsen. Die späteren voestalpine-Gesellschaften zeigten sich nun kontinuierlich auf den größten Luftfahrtmessen: auf der International Air and Space Show (Paris Air Show) in Le Bourget seit 1981 und auf der Farnborough International Air Show, UK, seit 1982. Präsentierten sie anfangs vor allem Spezialstähle für die Luftfahrtindustrie, kamen bald präzisionsgeschmiedete Teile aus der weltgrößten Spindelpresse für Fahrwerk, Rahmen und Tragfläche aus hochlegierten Stählen, Nickelbasis- und Titanlegierungen dazu.

Überproportionales Wachstum in der Steiermark

Mit dem Schmiede-Know-how profitierten die BÖHLER-Gesellschaften vom Luftfahrt-Boom Mitte der 90er-Jahre und von persönlichem Engagement. Verkaufsleiter Herbert Puschnik überzeugte in Wichita das Boeing-Management, geschmiedeten Komponenten „Made in Austria“ den Vorzug gegenüber eigenen Investitionen zu geben. Auch das europäische Airbus-Unternehmen zog schließlich als Kunde Nutzen aus diesem Erfahrungsvorteil.

BÖHLER Schmiedetechnik wuchs damit im Luftfahrtbereich überproportional: Erbrachte das Unternehmen 1994 mit 6 Mio. EURO noch ca. 7 % des Umsatzes der österreichischen Luftfahrt-Industrie, erreicht es 2004 mit 55 Mio. Euro über 13 % des nationalen Umsatzes – und hält diesen Anteil seither. So erzielte das Kapfenberger Unternehmen 2014 mit 173 Mio. EURO erneut 13 % der landesweiten Umsätze. Der gesamte voestalpine Aerospace-Sektor erwirtschaftete 2013/14 mehr als ein Viertel des Umsatzes der österreichischen Luftfahrtindustrie.

In dieses Erfolgsbild fügt sich auch BÖHLER Edelstahl, europaweit der zweitgrößte Zulieferer von Spezialstählen für die Luftfahrt. In enger Zusammenarbeit mit Flugzeug- und Triebwerkherstellern wie Airbus, Boeing oder Rolls-Royce forscht die voestalpine-Gesellschaft an neuen Materialien für Riesenprojekte wie dem Airbus A380 oder Boeings Dreamliner.

Neue Märkte stützen den Anstieg

Mit der Übernahme von Böhler-Uddeholm durch voestalpine erweiterte sich 2007 das Feld der Produktionsbetriebe im Luftfahrt-Geschäftsfeld auch geografisch. Mit dem brasilianischen Stahlproduzenten Villares stieß Lateinamerikas größter Produzent hochlegierter Stähle für Luft- und Raumfahrt zur voestalpine. Villares ist der einzige zertifizierte Zulieferer hochlegierter Stähle und Nickelbasislegierungen für den brasilianischen Flugzeughersteller EMBRAER.

Auf dem wichtigen nordamerikanischen Markt sorgen die Vertriebsorganisationen der Böhler-Uddeholm für die notwendigen Kontakte zum Kreis der Aerospace-Zulieferer. Die Sonderstahl-Lager der Bohler-Uddeholm North America nahe den Hotspots der amerikanischen Luftfahrtproduzenten in Südkalifornien, Seattle und Kanada schaffen seit 2015 hervorragende strategische Ausgangspositionen für ein weiteres Wachstum im Luftfahrt-Bereich.

Der Weg zum zertifizierten Zulieferer

Die Einstiegshürde für den Zugang zur Luftfahrtindustrie bilden die notwendigen Zertifizierungen von Materialien, Prozessen und Prüfroutinen durch staatliche Stellen oder OEMs. So sammelte die seit 2013 zur voestalpine gehörende eifeler Werkzeuge GmbH seit 2002 Erfahrungen auf dem Gebiet der Luftfahrt-Industrie (TIER3). Für einen Wälzlagerhersteller, dessen Produkte in Flugzeugturbinen eingesetzt werden, wurden erste Chargen Wälzlagerringe mit Hartstoffschichten versehen; mit dem anwachsenden Bedarf in der Luftfahrtindustrie wuchsen die Zahl der Auftraggeber ebenso wie die Qualitätsanforderungen. Für eifeler wurde es daher notwendig, sich Audits zur Zertifizierung als Luftfahrzeug-Zulieferer zu unterziehen. Die Zulassungen der eifeler-Hartstoffbeschichtung sowohl durch die Nadcap (National Aerospace and Defense Contractors Accreditation Program – das US-Zulassungsprogramm für Luftfahrt) und den TÜV als auch durch namhafte Turbinenhersteller wie Rolls-Royce, GE und Pratt & Whitney ebnen jetzt die Wege in die Luft. Titannitrat-beschichtete Bauteile von eifeler finden an Bord der ESA-Trägerrakete Ariane sogar den Weg ins Weltall.

Erfolgreich in die Zukunft

Der voestalpine-Konzern setzte im Geschäftsjahr 2015/16 350 Mio. Euro im Aerospace-Segment um. Bis 2020 soll ein Umsatz von gut 500 Mio. Euro erreicht werden. Ein ambitioniertes Ziel, das angesichts der erfolgreichen Geschäftsabschlüsse der vergangenen Jahre erreichbar scheint: Profilspezialist RFC setzt seinen Jahrzehnte langen erfolgreichen Weg fort und schloss beispielsweise 2009 den bis dahin größten Einzelvertrag der Metal Forming Division ab, ca. 95 Mio. Euro für lasergeschweißte Titan-Strukturkomponenten für den Boeing 787 Dreamliner. Und auf der Paris Air Show 2015 konnten BÖHLER-Gesellschaften langfristige Aufträge über 70 Mio. Euro unterzeichnen. Heute finden sich Werkstoffe der voestalpine in allen aktuellen Flugzeugmodellen von Airbus und Boeing.

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