“Im Bahnwesen klafft riesige Investitionslücke” 3 Minuten Lesezeit
Mobilität

“Im Bahnwesen klafft riesige Investitionslücke”

Stephanie Bauer
Als voestalpine Digital Native der ersten Stunde ist Stephanie Bauer für die Corporate Online & Social Media Strategie verantwortlich, als Chef vom Dienst für das Themenmanagement im Newsroom.

Die Belastung bringt bestehende Bahnstrecken an ihre Grenzen. Das Vorziehen von Infrastrukturinvestitionen deckt daher nur den Nachholbedarf, und der Bahnverkehr wird künftig eine noch größere Bedeutung erlangen, glaubt Experte Klaus Rießberger.

Bahnwesen Österreich

Wenn wir von der Zukunft der Bahn sprechen: Spielt die Musik da eigentlich noch in Europa oder in den so genannten Emerging Markets?

Im Moment spielt die Musik außerhalb Europas sehr laut, aber sie ist schon auch noch innerhalb
Europas zu hören. Es gibt ja seitens der EU und internationaler Vereinbarungen sehr umfangreiche Investitionsprogramme, um ein integriertes europäisches Eisenbahnnetz zustande zu bringen. Alles, was da heute läuft, ist gedacht von Paris bis Bukarest oder von Moskau bis Madrid – und nicht mehr von Dorf zu Dorf. Denn dieser lokale Verkehr mit seinen abgegrenzten Systemen, wenn es sich nicht um den Pendlerverkehr in Städten handelt, ist wirklich noch ein Problemkind.

Und was die Städte betrifft: Die Werte für die Inanspruchnahme sind bereits exorbitant hoch. Es wurden zum Beispiel in praktisch allen österreichischen Städten in den letzten Jahren viele S-Bahn- oder Regionalbahnlinien errichtet. Dafür wurde man vor 20 Jahren noch verlacht, wenn man diese Entwicklung vorhergesagt hat. Und sie ist dennoch eingetreten.

 

Was wird aus Ihrer Sicht der wichtigste technologische Trend in der Zukunft des Bahnverkehrs?

Den wichtigsten technologischen Trend sehe ich weniger in der Hardware, sondern in der Software – das heißt in der Anzahl der Züge, die auf einer Strecke fahren können. Wir haben heute schon Spitzenwerte von 150 Zügen pro Tag und Richtung, das ist fast schon Standard.

Nur um eine Größenordnung zu nennen: Im Durchschnitt fahren heute auf jedem Meter des Schweizer Netzes pro Tag 92 Züge. Sie können sich vorstellen, was das für Wartungsmaßnahmen bedeutet, die ja eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Es ist also absolut notwendig, zu erhaltungsärmeren Komponenten zu kommen, insbesondere bei der Schiene.

“Die Bahn wird künftig
eine noch größere Bedeutung haben”

Wenn nun überall auf der Welt Investitionen im Zuge von Konjunkturprogrammen vorgezogen werden: Wird das Geld nicht in ein paar fehlen und werden die Investitionen dann nicht zurückgeschraubt werden müssen?

Das glaube ich nicht. Die vorgezogenen Budgets decken ja eigentlich nur den Nachholbedarf ab. Wir haben im Eisenbahnwesen eine riesige Investitionslücke eigentlich seit 1918 bis in die 1990er-Jahre. Was wir heute tun – auch wenn es heißt, Investitionen werden vorgezogen –, ist eigentlich nur ein Nachziehen.
Und: die Bahn wird künftig sogar noch eine viel größere Bedeutung haben, angesichts der Entwicklungen, die sonst noch stattfinden – Energie, Verschmutzung, Lärm, Raum usw.

 

Prof. Dr. Klaus Rießberger Prof. Dr. Klaus Rießberger ist emeritierter Universitätsprofessor für Eisenbahnwesen an der Technischen Universität Graz.