David Croft: Was für ein erster Tag beim Großen Preis von Österreich 6 Minuten Lesezeit
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David Croft: Was für ein erster Tag beim Großen Preis von Österreich

David Croft

David Croft, der bekannte Formel-1-Experte und Kommentator für den britischen Sender Sky Sports F1,

Was für ein Tag! Die Formel 1 kehrte auf den Red Bull Ring zurück, und von unserer Position in der Kommentatorenkabine von Sky F1 sah es für Anthony Davidson und mich danach aus, als hätten die Wagen schwer damit zu kämpfen, auf der Strecke zu bleiben. Immer wieder wurden Fahrer in den schnellen Kurven am Ende der Runde rausgetragen oder sind in Kurve 6 im Kies gelandet. Valtteri Bottas und Fernando Alonso sind mit knapper Not nicht in die Leitplanken gekracht und Max Verstappen hat – Zitat – „an der Mauer gekratzt“. Die Spuren an den Reifen waren nicht zu übersehen.

Lewis Hamilton beendete den Tag als Schnellster und brach dabei seinen eigenen Rundenrekord. Der Mercedes sah schnell aus, aber Sebastian Vettel im Ferrari war nicht allzu weit entfernt. Genau das, was wir am Sonntag sehen wollen: ein enger Kampf zwischen den beiden Führenden in der Weltmeisterschaft.

Aber was genau wollen die Teams an einem Freitag erreichen? Welchen Plan verfolgen sie in den drei Stunden Training, die vor ihnen liegen? Welche Erkenntnisse müssen sie gewinnen? Und wie schwierig ist es, das gewünschte Setup für einen Boliden zu erarbeiten?

Ich habe beim technischen Direktor von Force India, Andrew Green, nach Antworten gesucht. Am Ende der zweiten Trainingssession konnte er ein weinig seiner wertvollen Zeit für mich erübrigen.

„Zuerst einmal versuchen wir, die Reifenmischungen zu verstehen.“ Für das Rennen in Österreich stehen die Varianten Soft, Super Soft und Ultra Soft zur Verfügung. „Wie sie sich im Vergleich zueinander verhalten, wie die Leistung in den unterschiedlichen Temperaturbereichen aussieht und wie wir das Setup des Wagens verändern müssen, um jede dieser Mischungen im optimalen Leistungsfenster zu halten. Nicht einfach auf einer solchen Strecke, auf der das Aufwärmen der Reifen ein echtes Problem ist.“

Was für eine Herausforderung. Die Reifen in dieses magische Temperaturfenster zu bringen, in dem der Fahrer den maximalen Grip zur Verfügung hat, ist unglaublich schwierig. Daher versuchen die Teams, die Fahrer so weit wie möglich zu unterstützen, indem sie ihnen per Funk schon in der Aufwärmrunde Feedback geben.

voestalpine wing

voestalpine wing. Copyright: Philip Platzer, Red Bull Content Pool

„Danach erarbeiten wir auf der Grundlage der aufgezeichneten Rundenzeiten die beste Strategie. Optimieren wir den Wagen für das Qualifying und den Ultra-Soft-Reifen, weil wir ohne Ende Geschwindigkeit für eine einzige Runde brauchen? Im Wissen darum, dass sich die Performance mit dem Super Soft dadurch verschlechtert. Oder man sagt sich: Wir fahren ohnehin nur 15 Runden auf dem Ultra Soft, sodass man den Nachteil im Qualifying gerne in Kauf nimmt, um nach dem Wechsel auf den Super-Soft-Reifen in den übrigen 56 Rennrunden einen Vorteil zu haben.“ Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Teams für Sonntag auf Ultra und Super Soft setzen.

„Wir versuchen, so viele Daten wie möglich für unsere Simulationen zu sammeln. Wir machen uns auch Gedanken darüber, wie die Chancen für Überholmanöver stehen, denn wenn du nicht überholen kannst, musst du dich verstärkt auf das Qualifying konzentrieren. Hier kann man überholen, also wird diese Information in die Simulationen eingebaut. Allerdings haben wir im ersten freien Training aufgrund eines Problems mit dem ERS eine Menge Zeit verloren, sodass wir nicht so viele Daten wie gewünscht sammeln konnten, und nachdem Sergio Perez seinen Wagen für das erste Training seinem mexikanischen Landsmann Alfonso Cellis überlassen hatte, dauerte es am Nachmittag doch einige Zeit, bis er so richtig auf Touren kam.“

Es gibt also eine ganze Reihe von Dingen, mit denen sich Force India wie auch jedes andere Team herumschlagen muss. Viele sind mit neuen Updates hierher nach Österreich gekommen, um die Boliden vom Kurs in Baku mit der zweitlangsamsten durchschnittlichen Kurvengeschwindigkeit der Saison für eine Rennstrecke vorzubereiten, die im Durchschnitt die höchsten Kurvengeschwindigkeiten des Jahres erlaubt. Das ist eine gewaltige Umstellung.

Wir wissen auch, dass mit zunehmendem Gummiabrieb auf der Strecke einige der Probleme mit dem Setup, die den Teams am Freitag zu schaffen machen, bis zum Qualifying am Samstag einfach verschwunden sind und damit ignoriert werden können.

Wie ist also der Tag für Force India gelaufen? Green meinte, es sei nicht alles perfekt gewesen. „Heute hatten wir mehr als erwartet zu kämpfen. Die Techniker haben also eine Menge zu tun und werden wohl eine Spätschicht einlegen. Vermutlich werden sie bis 1 Uhr in der Nacht arbeiten und um 8 Uhr am Samstagmorgen wieder zurück an der Rennstrecke sein. Durch das Verbot, die ganze Nacht durchzuarbeiten, kommen die Crews wenigstens zu ein paar Stunden Schlaf.“

Green geht davon aus, dass Force India die heutigen Probleme in den Griff kriegen wird. „Derartige Probleme haben wir auch früher schon gelöst, und zu Hause in der Fabrik arbeitet ein unglaublich tolles Team, das uns bei der Suche nach Lösungen unterstützt. Es liegt an den Ingenieuren hier an der Strecke, die besten Lösungsansätze zu erkennen und für das letzte freie Training am Samstagvormittag umzusetzen.“

Bisher war es eine gute Saison für Force India. Sie liegen an vierter Stelle in der Konstrukteurswertung – also an jener Position, mit der sie auch die letzte Saison abgeschlossen hatten – und 42 Punkte vor Williams, ihrem härtesten Konkurrenten. Nicht, dass sie sich auf ihren Lorbeeren ausruhen würden. Dieses Team setzt sich, wie Andrews sagt, selbst unter Druck, um sicherzustellen, dass das Auto genau an jenem Platz steht, den es als Optimum erreichen kann, nachdem jeder im Team alles gegeben hat.

„Wir hören nicht zu arbeiten auf, bis wir diese Position erreicht haben, und das machen wir an jedem Wochenende so. Manchmal ist es schöner, einen Wagen zu haben, der bereits am Beginn des Wochenendes nahe an der gewünschten Performance ist. Aber das kann einen natürlich auch in falscher Sicherheit wiegen. Manchmal lässt nach einem gut gelaufenen Freitag die Konzentration nach, und wenn man am nächsten Tag zurück an der Strecke ist, stellt man fest, dass die anderen in der Nacht härter gearbeitet haben und plötzlich schneller sind. Da der Bolide niemals das Optimum erreicht, achten wir darauf, dass uns das nicht passiert. Außerdem dürfen wir uns glücklich schätzen, zwei Fahrer zu haben, die uns mit ihrem Feedback immer die richtige Richtung weisen.“

Ach ja, Sergio Perez und Esteban Ocon, die bei den letzten Rennen für ausreichend Schlagzeilen sorgten und zuletzt in Baku auch noch miteinander kollidierten. Welche Folgen das auch nach sich ziehen wird, das Team setzt nach wie vor sein volles Vertrauen in beide Fahrer. Vor allem der Ingenieur verlässt sich zu 100 Prozent auf den Mann am Steuer. „Wir vertrauen absolut auf das Gefühl der Fahrer, wenn es darum geht, in welche Richtung wir uns bewegen müssen“, sagt Green. „Und das ist deshalb so wichtig, weil wir auf diese Weise niemals unnötig Zeit verschwenden.“

Auch bei drei Stunden Training gilt es, keine Zeit zu vergeuden. Das wissen alle Formel-1-Teams. Schließlich geht es um den relevanten Teil des Wochenendes – um die Startplätze und das Rennen. Force India wird erneut alles versuchen, den Teams mit den großen Budgets Paroli zu bieten, und darauf hoffen, dass Übung den Meister macht.

Crofty

www.davidcroftsport.com

Infografik Formel 1 2017