David Croft: Das war der Große Preis von Österreich 5 Minuten Lesezeit
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David Croft: Das war der Große Preis von Österreich

David Croft

Formel-1-Experte David Croft blickt auf ein spannendes Formel-1-Wochenende auf dem Red Bull Ring in Spielberg zurück.

voestalpine wingDass man nach einem langen Rennen schon mal aus den „Latschen“ kippen kann, dürfte bekannt sein. Für Martin Brundle kam der Moment der Wahrheit an diesem Wochenende, als er etwas aus den „Latschen“ kippen durfte! Wie von jemandem, der seinen „Stiefel“ durchzieht und alles runterspült, was ihm vorgesetzt wird, nicht anders zu erwarten war, blickte er auf dem Podium in Spielberg Daniel Ricciardo tief in die Augen und schlürfte den Schampus aus dem Schuh des Australiers!

Natürlich war er nicht der Erste. Sir Patrick Stewart, dem ebenfalls keine strengen Gerüche fremd sein dürften, seit er die Rolle des Poop-Emoji im Emoji-Film übernahm, stellte sich dieser Herausforderung in Kanada. Auch Mark Webber und David Coulthard mussten kürzlich ihren Stolz – und eine wenig Aussie-Schweiß – runterschlucken. Und irgendwie konnte man verstehen, warum Valtteri Bottas und Sebastian Vettel gerne auf diese Übung verzichten wollten: Sie haben das schon miterlebt und wissen, dass der „Shoey“ den süßen Geschmack des Erfolgs keineswegs verbessert.

Aber einmal abgesehen von den Fahrern und den Siegerinterviews auf dem Podium – wir alle lieben den „Shoey“, und die wirklich erfrischende Nachricht ist, dass wir derzeit jede Menge Gelegenheiten haben, ihn mitzuerleben. Nach dem üblichen Auftakt – Daniel war noch in keiner seiner sechs kompletten Saisonen, einschließlich der diesjährigen, in den ersten vier Rennen auf das Podium gefahren – schaffte der Australier jetzt in fünf Grands Prix fünfmal den Sprung aufs Stockerl, wobei er nach seinem großartigen Sieg in Baku sogar ganz oben stand.

Damit stellt er seine längste Serie an Podestplätzen in der Formel 1 ein, und wer weiß, vielleicht kann er kommendes Wochenende die Konkurrenz auch in Silverstone in Schach halten und diesen Lauf fortsetzen? Schließlich kommt Red Bull nach einigen Rennen, die nach eigenen Angaben nicht zu ihren besten zählten, nun auf eine Strecke, auf der ihr Bolide seine Stärken ausspielen kann. Hier kommt es – anders als in Baku und Montreal – auch nicht so sehr auf die Motorleistung an, und nach allem, was zum Motor bereits gesagt wurde, könnte sich das als willkommene Verschnaufpause erweisen.

In Silverstone gab Ricciardo sein Debüt in der Formel 1, als er N. Karthikeyan bei HRT ersetzte. Natürlich war das kein Wagen, mit dem man sofort beeindrucken konnte, aber er hatte ja auch nicht vor, lange bei diesem Rennstall zu bleiben. Dr. Helmut Marko hatte bereits Pläne geschmiedet, um Danny Ric die Karriereleiter bei Red Bull erklimmen zu lassen. An diesem Wochenende erzählte mir Dr. Marko, dass diese Pläne sehr rasch nach den ersten Testfahrten des Australiers Gestalt annahmen, mit denen er seine Tauglichkeit für das Red-Bull-Juniorprogramm unter Beweis stellen sollte.

Ich fragte ihn, ob es zutraf, dass er bei einem für zwei Tage anberaumten Test bereits nach dem ersten Tag wusste, dass Ricciardo die erste Wahl sei und einen Vertrag bekommen sollte? „Nein, das ist falsch“, erwiderte er. „Das wusste ich bereits nach der ersten Runde!“ Offensichtlich war Daniel mit Höchstgeschwindigkeit und perfekter Fahrzeugbeherrschung quer aus einer Kurve gekommen und hatte damit Helmut überzeugt, dass hier ein großes Talent im Wagen saß, das einen Platz in seiner Truppe verdient hatte.

Wenn er an diesem Wochenende seinen 119. Grand Prix bestreiten wird, kann er bereits auf 23 Podestplätze und 5 Siege zurückblicken. Bei keinem dieser Siege war er unter den ersten drei in der Startaufstellung gestanden, während sein früherer Teamkollege Sebastian Vettel alle seine Siege nach Trainingsergebnissen unter den Top 3 errungen hatte. Er ist ein Fahrer, der auch mal die Ellbogen ausfahren kann, wenn es nötig ist. Wenn sich ihm eine Gelegenheit bietet, ist er jederzeit bereit, sie zu ergreifen.

In Österreich hatte er sich vom Start weg an Sebs Fersen geheftet, konnte die Ferraris in Kurve eins zwar nicht knacken, drängte sich aber in Kurve drei kompromisslos innen an Kimi vorbei. Die Aktion war ebenso aggressiv wie sein Manöver gegen die beiden Williams beim Restart nach der roten Flagge in Baku: Chance erkannt, Chance genutzt. Bei seinem Sieg in Ungarn 2014 war es ähnlich. Während sich Rosberg viel zu lange von Jean Eric Vergne aufhalten ließ, machte Ricciardo kurzen Prozess mit dem Toro-Rosso-Fahrer und begab sich damit auf die Siegerstraße.

Er sprach davon, dass dies wohl seine guten Jahre seien. Schließlich ist er mit 28 Jahren – er feierte am 1. Juli Geburtstag – bereit und in der Lage, um WM-Titel zu kämpfen und sie auch für sich zu entscheiden. Podestplätze sind gut, Siege sind schön, aber was für ihn wirklich zählt, sind Titel. Könnte es sein, dass er bei Red Bull derzeit im rechten Team zur falschen Zeit ist, wenn es um die ganz große Trophäe geht?

Daher wohl auch die Gerüchte und Spekulationen, dass er sich nach neuen Herausforderungen umsehen könnte. Auch wenn an diesem Wochenende meist Verstappen im Mittelpunkt stand und davon die Rede war, dass er in Zukunft zu Ferrari wechseln könnte, sollte man nicht völlig ausschließen, dass Ricciardo den von Vettel vorgezeichneten Weg einschlägt – besonders dann, wenn er den Niederländer in der Meisterschaft erneut schlägt, was angesichts der unglaublichen Pechsträhne Verstappens durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Mit fünf Ausfällen in sieben Rennen meint es das Schicksal wohl alles andere als gut mit dem jungen Niederländer.

Max könnte vertraglich länger als Daniel an Red Bull gebunden sein, und auch wenn Verstappen ein ausgezeichneter Fahrer ist, machen wir uns doch nichts vor: Es käme Ferrari wesentlich billiger, Ricciardo aus seinem aktuellen Vertrag herauszukaufen.

Ferrari-Präsident Sergio Marchionne hat bereits öffentlich gesagt, dass es an Seb liege, wie seine Zukunft mit dem Team aussehen wird. Aber sollten sich die Gerüchte über einen Vorvertrag mit Mercedes bestätigen und der vierfache Weltmeister zu den Silberpfeilen wechseln, wäre Ricciardo wohl auf jeden Fall eine logische Option. Besonders dann, wenn diese Serie an Podestergebnissen anhält.

Wie es so schön heißt: Wem der „Schuh“ passt …

Crofty