Ausblick: David Croft beim Großen Preis von Österreich 4 Minuten Lesezeit
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Ausblick: David Croft beim Großen Preis von Österreich

David Croft

David Croft, der bekannte Formel-1-Experte und Kommentator für den britischen Sender Sky Sports F1, nimmt uns mit hinter die Kulissen der Rennszene und zeigt uns, was uns 2017 beim Großen Preis von Österreich in Spielberg erwartet.

David Croft

David Croft

Das kommende Wochenende bietet ein Erlebnis der besonderen Art. „Ich spüre die Gier … die Gier … nach Tempo in mir!“ sagte schon Tom Cruise in „Top Gun“. Und die Formel 1 ist 2017 tatsächlich um einiges rasanter.

Die Autos sind breiter und – was noch wichtiger ist – auch der Heckdiffusor ist breiter. So wird alles noch kraftvoller und erhöht den Abtrieb, diesen magischen Sog, der dafür sorgt, dass die Autos nicht abheben, sondern auf der Straße bleiben.

Auch der Heckflügel ist breiter und kürzer. Insgesamt haben die Autos an Breite gewonnen. Und die Reifen? Dreimal dürfen Sie raten. Richtig, auch sie sind viel breiter geworden – genau gesagt um 8 cm hinten und 6 cm vorne. Das gibt mehr Kontaktfläche mit dem Asphalt und somit mehr Grip, wodurch die Autos in den Kurven bedeutend schneller fahren können.

Die Topgeschwindigkeiten auf den Geraden haben aufgrund des stärkeren Abtriebs und dem damit verbundenen höheren Widerstand zwar abgenommen, aber wir sind nun einmal nicht beim Drag Race. Die Auswirkungen werden sich in Spielberg zeigen, wenn die Autos aus der dritten Kurve kommen, sich bergab schlängeln und schließlich die letzten beiden Kurven erreichen. Spätestens hier spüren die Fahrer – angetrieben von den zusätzlichen Beschleunigungskräften, denen sie hier ausgesetzt sind – Tom Cruises „Gier nach Tempo“. Ich bin schon sehr auf die Action in diesen beiden Kurven gespannt. Es wird einmalig.

Ziel war es, die Rundenzeiten deutlich zu verkürzen, und das mit demselben 1,6-Liter-V6-Hybrid-Motor. Dieser Motor hat mehr Pferdestärken als die alten V10-Motoren, mit denen man bis 2005 Rennen fuhr, und auch mehr als die V8-Motoren, die von 2006 bis 2013 im Einsatz waren. Selbst wenn man den KERS-Boost berücksichtigt, sind die heutigen Hybrid-Motoren immer noch um circa 10 Prozent stärker – eine reife Leistung, wenn man mal genauer darüber nachdenkt.

Inmitten all der Schreie nach lauteren Motoren – verstehen Sie mich nicht falsch, ich vermisse den Sound der alten Motoren – sollten wir auch über die Leistung dieser Antriebe jubeln, oder? Die Energie, die allein dieses ERS-System erzeugt, reicht aus, um eine Familienkutsche anzutreiben. Und auch der Tatsache, dass die Fahrer letztes Jahr in Baku Geschwindigkeiten von 371 km/h erreichten, sollten wir Respekt zollen.

voestalpine wing

Copyright: Red Bull Content Pool

Die Autos sind schwerer, verbrauchen weniger Treibstoff und brechen 2017 Rundenrekorde – alles gute Gründe zu feiern. Leider haben Sound, Kosten und in manchen Fällen – allen voran bei Honda – die Verlässlichkeit die positiven Seiten der neuen Antriebe in den Hintergrund gedrängt. Nichtsdestotrotz verzeichnen einige dieser Antriebe nahezu, wenn nicht knapp über 1000 PS. Das ist eine herausragende Ingenieursleistung und sollte dazu beitragen, dass wir bald alle Hybrid-Autos fahren dürfen, die nicht im Schneckentempo beschleunigen. Angeblich nehmen Schnecken ihr Haus ab, wenn sie schneller sein wollen. Aber sobald das Gehäuse weg ist, ist außer einem Schleimer nicht mehr viel übrig!

Okay, okay, ich hör schon auf mit den Witzen, zurück zum Großen Preis von Österreich. Theoretisch sollten diesen wieder Mercedes und Ferrari zwischen sich entscheiden. Das Team von Red Bull kämpft um die niedrigeren Treppchen – und das auf einer Strecke, die zwar denselben Namen trägt, ihm in den letzten Jahren aber kaum Glück gebracht hat.

Force India und Williams sollten nach ihrer Leistung in Baku erneut in den Top 10 landen, während sich McLaren wohl wieder auf ein Wochenende voller Strafen vorbereiten kann, vor allem wenn sie sich für ihr Motor-Upgrade entscheiden.

Der Kampf zwischen Mercedes und Ferrari hat der Weltmeisterschaft neues Leben eingehaucht. Die beiden Teams brachten sehr unterschiedliche Autos auf die Strecken, die beide den Titel gewinnen könnten.

Das Auto von Mercedes bringt die Reifen schneller auf Temperatur und verschafft ihnen sofort maximalen Grip. Auch die Geschwindigkeit über eine Runde ist besser, zum Teil aufgrund der Vorteile des zusätzlichen kurzfristigen Boost des Motors.

Am Tag des Rennens stellt der maximale Grip in gewisser Weise ein Risiko dar, da der Mercedes die Lebensdauer seiner Reifen rapide verkürzt, während der Ferrari als verträglicheres Auto seine Reifen in besserer Form hält. Der Unterschied in der Motorenleistung über eine kurze Zeitspanne zwingt Ferrari außerdem dazu, den richtigen Augenblick abzuwarten, um zu einem späteren Zeitpunkt, d. h. erst nach den Boxenstopps, nach vorne zu preschen.

Hinter den Kulissen arbeiteten die Designer hart an neuen Upgrades, die ein wenig mehr Abtrieb bringen, als das letzte Mal in Baku notwendig war, den Widerstand auf den schnellen Geraden aber minimieren. Ein Patentrezept gibt es 2017 nicht. Kein Upgrade wird ein Auto direkt an die Spitze der Startaufstellung katapultieren. Es geht um das Zusammenspiel verschiedener Bereiche, die in der Kombi die Rundenzeiten verkürzen.

Halten Sie also Ausschau nach kleinen Veränderungen an Bestandteilen des Frontflügels, neue Barge-Boards an den Seiten der Autos und zusätzliche Arbeiten am T-Flügel, die zwar hässlich aussehen, das Auto aber fest am Boden halten. All das soll den Luftstrom genau dorthin lenken, wo ihn die Teams brauchen, damit die Fahrer ein klein wenig mehr aufs Gas steigen und schlussendlich das entscheidende Bisschen schneller sind.

Wir sehen dieses Jahr die umfassendste Reihe an Regeländerungen im Bereich der Aerodynamik seit langem. Und die Resultate waren bis jetzt extrem beeindruckend. Also schauen wir mal, was dieses Wochenende noch so bringt.

Viel Spaß Ihnen allen!

Crofty

http://www.davidcroftsport.com/