Eine perfekte Staffelübergabe 7 Minuten Lesezeit
Innovation

Eine perfekte Staffelübergabe

Viktoria Steininger
Redaktionell verantwortlich für die Themen am Blog, recherchiert und schreibt Viktoria Steininger auch selbst und gibt mit Geschichten Einblicke in den voestalpine-Konzern.

Der harmonische Wechsel von Wolfgang Eder zu Herbert Eibensteiner als Vorstandsvorsitzenden war gut vorbereitet und ist ein Zeichen von Kontinuität. In einem gemeinsamen Interview blicken der scheidende und der zukünftige CEO des Technologiekonzerns voestalpine gemeinsam ein stückweit zurück, aber geben vor allem einen Einblick in die Chancen und Herausforderungen der Zukunft.

Herr Eder, wie schwierig ist denn der Prozess des Loslassens nach 41 Jahren?

Eder: Er ist für mich, und ich wundere mich da selbst ein wenig, erstaunlich undramatisch. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass es nach 41 Jahren im Unternehmen an der Zeit ist, das Steuer zu übergeben. An Jüngere, an Menschen, die neue Ideen haben, die bessere Ideen haben. Ich gehe ohne Wehmut, ich gehe mit Gelassenheit und letztlich auch mit Freude. Denn ich weiß, dass dieses Unternehmen in guten Händen ist, da Herbert Eibensteiner und das Vorstandsteam Kollegen und Freunde sind, in die ich sehr großes Vertrauen habe – und hinter ihnen 52.000 engagierte Mitarbeiter stehen.

Eder im Interview

Herr Eibensteiner, Sie übernehmen das Steuer, das Herr Eder loslässt. Wie geht es Ihnen da zwischen Gefühlen wie Freude, Stolz und vielleicht Demut?

Eibensteiner: Es überwiegt eindeutig die Freude und der Spaß an der Aufgabe. Ich freue mich darauf, dass wir den Konzern mit seiner guten Basis kontinuierlich weiterentwickeln und gemeinsam mit den Kollegen den eingeschlagenen Weg weiter umsetzen können. Wir wollen dort, wo wir erfolgreich sind, noch besser werden. Wir werden die Internationalisierung weiterführen, mit großem Ehrgeiz an neuen, innovativen Produkten arbeiten und die Digitalisierung vorantreiben. All das werden wir jetzt Schritt für Schritt konsequent umsetzen.

Damit sind wir bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es sind sich alle einig, dass deren Qualität das Asset des Konzerns ist. Allerdings kämpfen alle mit dem Lehrlings- und Facharbeitermangel sowie der mangelhaften Qualität in der Ausbildung. Gehen ihnen die qualifizierten Mitarbeiter aus?

Eibensteiner: Nein! Der „War of Talents“ ist ja längst da, das ist ja keine Neuigkeit. Die voestalpine hat ein perfektes Ausbildungssystem und bietet 35 verschiedene Berufsausbildungen an. Wir bekennen uns zur Ausbildung junger Menschen und werden die Lehrlingsausbildung weiter aufstocken. Wir werden unsere Aus- und Weiterbildung noch besser darauf ausrichten, die Mängel der schulischen Ausbildung wettzumachen. Wie zum Beispiel beim Thema Digitalisierung. Auch die Aus- und Weiterbildung für Führungskräfte bauen wir aus. Und was wir intern nicht schaffen, vor allem im obersten fachlichen Qualifikationsbereich, das muss aus Kooperationen mit nationalen und internationalen Universitäten, aber auch Fachhochschulen kommen. Damit bieten wir einerseits Anreize für Talente, zu uns zu kommen, andererseits gibt es uns die Möglichkeit, die Herausforderungen der Zukunft mit permanent wachsender Kompetenz im eigenen Haus zu meistern.

Eder: Die wichtigste Voraussetzung, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, ist letztlich der dauerhafte Erfolg des Unternehmens. Ein nachhaltig erfolgreiches Unternehmen tut sich, auch – und gerade – in schwierigen Zeiten wesentlich leichter, die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Erfolg macht auch hier attraktiv.

Trotz aller Appelle in Sachen Bildungspolitik müssen Sie im Unternehmen sehr viel tun für Ausbildung. Hat Ihnen niemand zugehört?

Eder: Jedenfalls nicht ausreichend, und wir reden inzwischen ja von 20 verlorenen Jahren, in denen bildungspolitisch primär ideologische Phantasien ausgelebt wurden. Das Thema wurde ja nie von Grund auf in die Hand genommen. Zuerst gehört geklärt, welche Werte wir vermitteln wollen, und dann die Frage nach den Themen der Zukunft gestellt. Das muss dann die Ausbildung bestimmen, um die jungen Menschen für die Zukunft vorzubereiten.

Herr Eibensteiner, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zur voestalpine kommen, haben ganz andere, neue Vorstellungen vom Arbeitsleben. Mehr Freizeit, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Work Life Balance als Stichworte. Muss ein attraktiver Arbeitgeber auf all das eingehen, um gute Mitarbeiter zu bekommen?

Eibensteiner: Ich glaube schon. Wir haben hier in Österreich und auch in vielen anderen Ländern die gesamte Palette an möglichen Arbeitszeitmodellen im Einsatz. Damit sich junge Menschen für uns interessieren, damit ältere Mitarbeiter länger und gesünder im Arbeitsprozess bleiben, damit Frauen Kinder und Beruf bestmöglich vereinen können. Es geht darum, dass Arbeit und Privatleben bestmöglich verbunden werden können. Ich bin sicher, dass das der richtige Weg ist.

Einen guten Arbeitgeber zeichnet also diese große Bandbreite an Angeboten aus. Was zeichnet gute, begehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig besonders aus?

Eibensteiner: Die Leistung. Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Work Life Balance wichtig ist, bedeutet das ja nicht, dass sie nicht leistungswillig oder -fähig sind. Ganz im Gegenteil.

Eder: Wichtig ist uns da die Botschaft nach außen: am Unternehmen werden künftige, noch flexiblere Arbeitszeitmodelle nicht scheitern. Die Arbeitszeit-Gesetzgebung setzt allerdings Grenzen, gemessen an den individuellen Wünschen vieler Mitarbeiter sogar sehr enge Grenzen.

Eibensteiner

Die Konjunktur schwächelt, die Prognosen für 2019 sehen nicht so gut aus. Herr Eibensteiner, müssen sie als erste Tätigkeit als CEO den Krisenmodus aktivieren?

Eibensteiner: Ob Rückenwind oder Gegenwind – es ist die Aufgabe des Managements, die beste Performance zu liefern und sich rasch an neue Situationen anzupassen. Darin sind wir sehr stark, obwohl wir ein großer Konzern sind.

Nicht nur die voestalpine als Zulieferer, viele setzen auf das Elektroauto. Was macht sie sicher, dass das wirklich die Zukunft ist?

Eibensteiner: Wir sehen die Elektromobilität als klare Chance. Zum einen gibt es da den politischen Willen, zum anderen die Anforderungen unserer Kunden. Wir stehen im permanenten Kontakt mit deren Entwicklungsabteilungen und werden unseren Teil dazu beitragen, dass unsere Kunden weiter mit hochinnovativen Produkten versorgt werden. Unsere hoch- und höchstfesten Stähle garantieren beispielsweise beste Crashfestigkeit und ermöglichen gleichzeitig gewichtssparende Bauweisen.

Aufsichtsratsvorsitzender Lemppenau hat gemeint, die Zeit, die kommt, ist nicht einfach – es wird eine Menge massiver Änderungen geben. Welche Änderungen meint er?

Eibensteiner: Zum Beispiel muss sich Stahlerzeugung in den nächsten 10 Jahren auf einen Technologiewechsel vorbereiten, damit wir die CO2-Anforderungen der EU-Klimaziele mittragen können. Es gibt dazu noch keine bahnbrechende und wirtschaftlich tragbare Technologie. Daher gehen wir in Vorleistung und investieren in mittel- und langfristige Forschungsprojekte, wie z.B. das Wasserstoffprojekt H2FUTURE oder das Projekt SuSteel, in dem wir die CO2-arme Stahlproduktion erforschen. Grundvoraussetzung für alle Aktivitäten jedoch ist, dass erneuerbare Energie in ausreichender Menge zu wettbewerbsfähigen Preisen bei den Verbrauchern zur Verfügung steht. Für die Bewältigung dieser Herausforderung braucht es unternehmerische Vorleistungen und vor allem mutige und richtungsweisende Entscheidungen der Politik. Dramatisch verändert haben sich in den letzten Jahren auch die Handelsbeziehungen. Zwischen der EU und den USA, zwischen den USA und China. Das sind Herausforderungen, an denen wir uns orientieren müssen und an die wir uns anpassen müssen.

Eder: Ich sehe neben den kritischen Zukunftsaspekten aber auch durchaus positive. Neben der E-Mobilität stellt etwa auch die Digitalisierung eine große Chance dar, und es gibt neue Bereiche, wie das Additive Manufacturing, wo sich weitere Zukunftswelten auftun, die wir wahrscheinlich besser nutzen können als andere.

Eibensteiner: Sie haben ja bemerkt, wir sind, was die Zukunft betrifft, ja durchaus optimistisch und sehen vor allem Chancen. Was immer passiert, die Märkte bleiben interessant für uns. Die Welt ist nicht kleiner geworden, sie bietet viele neue Möglichkeiten.

Den Entwicklungen also permanent etwas voraus sein, geht es darum?

Eibensteiner: Genau, und das ist ja auch die klare Strategie des Unternehmens.

Das Weg vom Stahl hin zum Technologiekonzern war eine Art Kulturrevolution. Was wird denn der nächste Quantensprung sein, sein müssen?

Eibensteiner: Es war sicher ein großer Schritt, sich vom reinen Stahlerzeuger in Richtung Technologiekonzern zu entwickeln. Und es gibt auch Bereiche, in denen wir noch stärker in das Thema Technologie einsteigen wollen. Der digitale Schienenweg zum Beispiel ist ein großes Thema für uns, auch im Flugzeugbereich wollen wir uns weiterentwickeln, Additive Manufacturing steht erst ganz am Anfang. Da möchten wir uns nicht nur evolutionär weiterentwickeln, sondern auch mit höherer Geschwindigkeit.

Die Produkte müssen also noch intelligenter werden?

Eibensteiner: Ja, intelligenter und noch mehr vernetzt. Die Digitalisierung wird künftig ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal für uns sein, in der Produktion, in den Prozessen, aber auch im Servicebereich.

Herr Eibensteiner, Sie haben das Thema Klimaschutz und Wasserstoff ja schon angesprochen. Die voestalpine ist umwelttechnisch ein Vorbild, trotzdem aber ein sehr großer Emittent – wie lässt sich das Problem lösen?

Eibensteiner: Wie schon gesagt, die entscheidende Technologie zur Stahlerzeugung ohne CO2-Ausstoß gibt es noch nicht. Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran. Wir brauchen jedoch entsprechende Rahmenbedingungen, damit wir die Übergangsphase bewältigen können. Wir brauchen Zeit, um die Technologien zu erforschen, zu entwickeln und dann industriell umsetzen zu können.

Sie haben einmal gesagt, der Tag, als die voestalpine am 31.8.2005 zu 100 % privatisiert war, war der schönsten Tag in ihren 41 Jahren bei der voestalpine. Bleiben Sie dabei?

Eder: Ja! Unbestritten.

Es gab keinen schöneren?

Eder: Nein. Ich werde diesen 31. August nie vergessen, das ist und bleibt in meinem Berufsleben der schönste Tag. Es kann sich ja heute niemand mehr vorstellen, was es heißt, unter permanenter Kuratel eines politischen Eigentümers zu stehen. Es gab aber noch ein paar fast so schöne Tage. Wie 1995 die Wochen des Börsengangs, die ich nicht missen möchte, und auch die zwei Wochen der Entscheidung über die Böhler-Uddeholm-Akquisition 2007 waren eine extrem spannende Zeit. Die Zeit rund um Lehman ab 2008 war eine Erfahrung, deren Ausgang ich mir so positiv wie es letztlich gelaufen ist lange nicht vorstellen konnte. Wie wir das gemeistert haben, mit den Beschäftigten und dem Betriebsrat, das hat mir Freude und vor allem Respekt vor diesem gemeinsamen Bemühen aller bereitet. In schwierigen Zeiten hat unser Unternehmen immer bewiesen, dass es schneller und effektiver reagieren kann als unsere Konkurrenten.

Wolfgang Eder

Herr Eibensteiner, das Schlusswort gehört Ihnen. Haben sie zum Start vielleicht eine Botschaft für die Mitarbeiter?

Eibensteiner: Für die bevorstehenden dynamischen Zeiten wünsche ich mir von den Mitarbeitern Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und den unbändigen Willen zum Erfolg. Es ist genau diese Gewinner-Mentalität, die uns so auszeichnet, besonders in schwierigen Zeiten. Das Entscheidende für mich ist also Anpassungsfähigkeit und Gewinnermentalität.

Und woran wollen Sie gemessen werden?

Eibensteiner: Vorstände werden meist am Erfolg gemessen.

Viktoria Steininger