„Digitalisierung ist das zentrale Ding, das unsere Zukunft prägen wird.“ 4 Minuten Lesezeit
Innovation

„Digitalisierung ist das zentrale Ding, das unsere Zukunft prägen wird.“

Michael Leithinger

Mario Herger, Autor und Trendforscher, war am voestalpine Digitalisierungstag zu Gast. Wir wollten von ihm wissen, welche Kultur Digitalisierung braucht und welche Möglichkeiten und Risiken sie mit sich bringt. Er ist davon überzeugt: Digitalisierung muss man viel weiter denken – wie, das erzählt er im Interview.

Digitalisierung ist in aller Munde. Warum das?

Ganz einfach: Unser aller Leben wird durch Digitalisierung bestimmt: Wir haben Computer am Arbeitsplatz, wir haben Computer in der Hosentasche – unser Smartphone –, bei Ampelsteuerungen, in unseren Häusern, in unseren Autos. Wir sind auf Facebook und anderen sozialen Medien. Digital ist überall. Wir haben lange geglaubt, das ist nur so eine Nebensache, ein Marketing-Hype, aber es stellt sich heraus: Das ist DAS zentrale Ding, das unsere Zukunft prägen wird. Und die digitalen Unternehmen sind sehr erfolgreich: Google, Apple, Uber, Tesla. Von daher ist es wichtig, dass jede Industrie, egal in welcher Branche, „Digitalisierung“ versteht und sich aktiv digital transformiert – dann kann sie davon profitieren.

Wie kann die voestalpine von der Digitalisierung profitieren?

Ich denke, die voestalpine kann in allen Bereichen profitieren. Digitalisierung ist ja nicht nur eine App, die man für Kunden baut, für Online-Bestellungen oder Reklamationen, Digitalisierung ist weitaus mehr, sie erfasst alle Prozesse. Ein Beispiel: Heute fliegt eine Drohne über eine Erzhalde und berechnet binnen Stunden, wie viel Eisenerz da liegt. Früher ist ein Mitarbeiter raufgeklettert und hat Messungen gemacht. Das war gefährlich und hat Wochen gedauert. Und das geht dann ja weiter: Die Ergebnisse werden sofort in die Cloud hochgeladen und stehen dort den Kollegen in der Produktionsplanung, in der Logistik und im Rohstoffeinkauf Verfügung. An diesem Beispiel sieht man punktuell, wie die voestalpine von der Digitalisierung profitieren könnte. Damit nicht genug: Man muss bei diesem Thema viel weiter denken …

Inwiefern weiter denken?

Ich stelle jetzt einfach die Frage: Was wäre, wenn die voestalpine mit ihrem Kerngeschäft kein Geld mehr macht? Welche anderen Expertisen hat man noch, die man heute noch nicht monetarisiert? Da gäbe es große Aha-Effekte, wenn man sich das anschaut.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Wenn man zurückblickt auf die erste Automobilrevolution, als es von Kutschen auf Autos ging, da war klar, es werden die Kutscher verschwinden, die Arbeit in den Stallungen etc. Es entstanden aber auch neue Berufsgruppen wie der Straßenbau. Es waren ja nicht mehr Feldwege gefragt, sondern befestigte und später asphaltierte Straßen. Mit solchen Veränderungen muss sich heute ein Unternehmen wie die voestalpine beschäftigen: Was tut sich in anderen Industrien, in Branchen, die die voestalpine heute nur peripher oder gar nicht betreffen? Man muss über die eigenen Kunden, die eigenen Märkte hinaus schauen, von da können wichtige Impulse kommen.

Wie kann man sich als Unternehmen sonst noch für die Digitalisierung rüsten?

Ein Unternehmen, das die digitale Transformation aktiv gestalten will, muss sich Skills aneignen, also die Mitarbeiter darauf vorbereiten, dafür schulen und auch neue Talente einstellen. Es braucht ebenso eine Kultur, in der diese digitale Transformation möglich ist. Ich glaube, viele „traditionelle“ Industrieunternehmen, so erfolgreich sie auch sind, haben ein Problem: Sie sind sehr gut in dem, was sie tun, aber die Welt ändert sich und sie verstehen diese Veränderungen, diese digitalen Transformationen noch zu wenig. Digitalisierung ist nicht etwas Separates, eine Begleiterscheinung, sondern sie wird zentraler Bestandteil alles Bestehenden. Das muss man erst einmal an sich heran lassen.

Sind innovative Unternehmen besser gerüstet für die Digitalisierung?

Viele Unternehmen denken beim Wort „Innovation“ immer an Technologie-Innovation: Wir machen einen besseren Stahl, einen besseren Dieselmotor, ein besseres Handy. Tatsächlich aber ist Innovation auf den verschiedensten Ebenen möglich, etwa beim Geschäftsmodell. Man nehme beispielsweise das Freemium-Modell aus der Softwareindustrie: Wie laden uns eine App gratis herunter und wenn wir die Profiversion haben wollen, müssen wir dafür bezahlen. Man kann den Gedanken auf andere Branchen weiterspinnen. Stellen wir uns vor, voestalpine gibt ihre Standardprodukte gratis her – weil sie durch intelligente Services, durch noch smartere Produkte, durch wertvolle Expertisen neue Geldquellen erschließen kann, die eventuell mehr Geld einbringen könnten als das „simple“ Herstellen und Verkaufen eines Metallstücks.

Welche Unternehmenskultur braucht es für die digitale Transformation?

Kultur setzt sich ja aus vielen kleinen Verhaltensweisen zusammen – und das beginnt bei jedem Einzelnen von uns und wie wir täglich miteinander umgehen. Wenn z. B. ein Mitarbeiter eine Idee hat, sollte man nicht reagieren mit „Nein, ich habe keine Zeit für dich“, sondern eher mit „Klar, zeige sie mir doch einmal“. Nur so kann ein Nährboden für Ideen entstehen! Daran sieht man auch, dass die digitale Transformation eine Aufgabe für alle Mitarbeiter ist und nicht nur für die Leute aus der Forschung, der Technik, der IT oder vom Management.

Und das Management gibt die Richtung vor …

Klar. Das Management muss Strukturen schaffen und dafür sorgen, dass man Ideen entwerfen kann, erzählen kann, weiter treiben kann, ohne dass sie vorverurteilt oder abgeschossen werden. Das Management muss dieses Mindset vorleben. Und man muss den Leuten auch die Zeit dafür geben, Ideen zu entwickeln. Das sind Elemente, die wichtig sind, ohne sie ist jede Transformation zum Scheitern verurteilt.

"Viele „traditionelle“ Unternehmen sind sehr gut in dem, was sie tun, aber sie verstehen diese Veränderungen, diese digitalen Transformationen noch zu wenig."
Mario Herger