Die weltbekannten Rasierklingen aus Munkfors 3 Minuten Lesezeit
Innovation

Die weltbekannten Rasierklingen aus Munkfors

Christopher Eberl
Christopher Eberl ist redaktionell verantwortlich für die Themen am Blog sowie für die Lehrlingswebsite. Mit seinen Geschichten gewährt er tiefe Einblicke in die vielfältige Welt des voestalpine-Konzerns.

Mit dem Entrepreneur King Camp Gillette entwickelt die Vorgängerin der heutigen voestalpine Precision Strip 1905 ein Produkt, das auch im 350. Jahr der Stahlherstellung in Munkfors zu ihren Parade-Erzeugnissen zählt: Hauchdünne Rasierklingen aus kaltgewalztem Stahl.

Manchen kommen die besten Ideen unter der Dusche oder beim Laufen. Der amerikanische Handelsreisende King Camp Gillette erlebt die größte Eingebung seines Lebens hingegen bei der rituellen morgendlichen Rasur. Die ist 1895 noch eine gefährliche und häufig mit Blutvergießen verbundene Prozedur. Denn noch gibt es keine Alternative zum Rasiermesser. Doch genau diese Alternative erscheint eines Morgens vor Gillettes innerem Auge: Ein Rasierhobel mit einer auf beiden Längsseiten scharf geschliffenen Wechselklinge aus hauchdünnem Stahl.

Aus hauchdünnem Stahl werden die Rasierklingen angefertigt.

Stahl aus 6.000 km Entfernung

Den Rasierhobel hat der 40-Jährige schnell konstruiert. Was ihm Kopfzerbrechen macht, ist der Stahl. In seiner Heimat findet der Mann mit den imposanten Vornamen nichts, was seinen Qualitätsvorstellungen entspricht. Und doch ist seine Suche nicht vergeblich: Bei der Recherche stößt Gillette wiederholt auf einen Hersteller aus dem 6.000 km entfernten Schweden, dessen Messerstähle, Industriemesser und zarte, dabei aber verschleissfeste Stahlstrips sich auch unter amerikanischen Schmieden und Fabrikanten großer Beliebtheit erfreuen. Bei diesem Hersteller handelt es sich, wie Gillette erfährt, um das Uddeholm-Werk in Munkfors. Dort hat der weltläufige Metallurg und Manager Gustav Jansson die junge Kaltwalztechnik auf höchstes Niveau gebracht.

Ein Männerpakt für’s Leben

1901 bahnen Gillette und Jansson eine bis heute fortdauernde Partnerschaft an. Und entwickeln gemeinsam jenen Rasierklingenstahl, der unter der Bezeichnung UHB 26C3 1905 patentiert wird. Das kaltgewalzte Präzisionsprodukt hat maßgeblichen Anteil an den kometenhaft steigenden Verkaufszahlen der Gillette Safety Razor Company: Hat sie in ihrem Gründungsjahr 1903 bloß 51 Rasierhobel und 168 Wechselklingen an den Mann gebracht, sind es 1904 bereits über 90.000 Rasierer und mehr als 123.000 Klingen. Nach der Einführung des UHB 26C3-Stahls fährt der Zug endgültig Richtung Massenproduktion.

Nach wie vor ein Produktflaggschiff: Rasierklingen von voestalpine Precision Strip AB.

Für Ärzte, Damen und Militärs

Der große kommerzielle Durchbruch erfolgt 1917, als die US-Regierung 36 Millionen Rasierklingen für die in Übersee kämpfenden Truppen ordert – eine Bestellmenge, die sogar das gegenwärtige Produktionsvolumen von 32 Millionen Klingen jährlich übersteigt. In den 1960er Jahren gelingt Uddeholm mit der Optimierung der Schneide wie auch der Verlängerung der Klingen-Lebensdauer der nächste technische Durchbruch. Der kommt zunehmend auch der Damenwelt und der Chirurgen-Zunft zugute, die ihrerseits immer öfter auf schwedische Rasierklingen von BÖHLER Uddeholm – so heißt das Unternehmen ab 1991 – setzen.

Alltagsklassiker aus dem Kaltwalzwerk

Damit büßt der berühmte Slogan „Für das Beste im Mann“ (im amerikanischen Original: „The best a man can get“) langsam an Allgemeingültigkeit ein. Was nichts daran ändert, dass die Rasierklingen mit der spannenden Erfolgsgeschichte für die aus BÖHLER Uddeholm hervorgegangene voestalpine Precision Strip AB nach wie vor zu den Produktflaggschiffen gehört. Auch heute, 350 Jahre nach Stahlfertigungsstart in Munkfors.

Christopher Eberl