Die digitalisierte Revolution 4 Minuten Lesezeit
Innovation

Die digitalisierte Revolution

Michael Csoklich
Journalist, Kommentator, Moderator, Lektor, Querdenker, Luftfahrtspezialist. Bis Ende 2014 Leiter der ORF-Radio Wirtschaftsredaktion, 2015 bis 2018 Leiter des Lehrgangs für Wirtschaftsjournalismus an der Donau Uni Krems, freier Journalist für Aviation Net Online und die Kleine Zeitung.

Umfassende Digitalisierung ist für die voestalpine eine zentrale Voraussetzung um die Technologieführerschaft in globalen Zukunftsmärkten weiter voranzutreiben. Sie ist entscheidender Treiber, wenn es darum geht, Qualität und Prozesse zu verbessern, Tätigkeiten effizienter und effektiver zu gestalten und damit auch unsere Position im globalen Wettbewerb weiter zu verbessern.

Das Zauberwort Digitalisierung wird meist in einem Atemzug mit dem Wort Revolution genannt. Wenn das wirklich so ist, dann ist es eine Revolution, die sich einschleicht – oder besser gesagt längst eingeschlichen hat – und deren Auswirkungen und Folgen vielfach auch nur erahnt werden können. Ansätze der Digitalisierung in Form der Automatisierung gibt es ja schon lange. Dennoch: Digitalisierung ist nochmals etwas ganz anderes, geht viele Schritte weiter, sehr anschaulich nachvollziehbar am Beispiel des neuen voestalpine-Drahtwalzwerkes in Donawitz. Die Fertigung der Drähte erfolgt dort über elf verschiedene Walzwege bei Durchlaufgeschwindigkeiten von bis zu 400 Stundenkilometern. Gesteuert wird die 700 Meter lange Anlage über ein innovatives Monitoring-System mit mehr als 2.000 datenerfassenden Sensoren und über 15.000 kontinuierlich aufgezeichneten Parametern, auf deren Basis das Werk sich permanent optimiert.

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"Wir betrachten den Weg der Digitalisierung aus dem Blickwinkel der Chancen. Tatsache ist, dass wir unsere Prozesse und Services durch Digitalisierung extrem verbessert und sehr effizient gestalten haben. Big Data, Deep Learning oder Künstliche Intelligenz sind Themen, mit denen wir uns bereits täglich beschäftigen. Das gibt auch neue, interessante Jobs für neue oder bestehende Mitarbeiter. Und ich bin der Meinung, dass dieser Weg ganz klar weitergeführt werden muss."
Herbert Eibensteiner, CEO voestalpine AG

Mehrwert durch neue Möglichkeiten

Die Komplexität der digitalen Welt wird hier auf einmal sichtbar. Wie sie hilft, unglaublich komplexe Abläufe fehlerlos zu bewältigen, lange Wertschöpfungsketten in Verbindung mit Qualitäts- und Effizienzoptimierung zu koordinieren. Wer das beherrscht, zieht umfassenden Nutzen aus der Digitalisierung. Es braucht dazu allerdings auch den Willen, sie zu verstehen, zu beherrschen und für sich konsequent einzusetzen. Gleichzeitig ist die breitestmögliche Nutzung all dessen, was Digitalisierung ermöglicht, zentrale Voraussetzung dafür, die Technologieführerschaft weiter voranzutreiben.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind schier unerschöpflich. Ein anderes Beispiel: Am Standort Linz befindet sich ein zentrales Digitalisierungsprojekt nach 8 Jahren Entwicklung und Umsetzung gerade in der finalen Implementierungsphase. Für den gesamten Produktionsprozess, vom Hochofen bis zum Autoteil, der an den Kunden geht, können alle Informationen in jeder gewünschten Korrelation abgerufen werden – Kosten, Effizienz, Taktzeiten, alle Spezifikationen des Produktes über den gesamten Herstellungsverlauf. Die perfekte Verknüpfung und Nutzung von Daten. Die Kunst dabei: die relevanten Informationen zu erkennen und zu verwenden, d.h. irrelevante erst gar nicht erscheinen zu lassen. Digitalisierung wird so zur künstlichen Intelligenz.

Letztlich stellt sich für die langfristige Zukunft die Frage, warum es nicht möglich sein sollte, den Gesamtprozess der Produkterstellung voll zu digitalisieren. Vom Rohstoffabbau, zum Beispiel am Erzberg oder in der Ukraine, bis zum fertigen, an den Kunden ausgelieferten Produkt. Viele der einzelnen Schritte sind längst zumindest automatisiert, sie müssten „nur“ verbunden werden zu einem Gesamtprozess.

Digitalisierung

Ein Symbol für fortschreitende Digitalisierung ist auch Additive Manufacturing, vereinfacht 3D-Druck genannt. Statt wie bisher ein Werkstück aus einem Block herauszufräsen oder auch aus unterschiedlichsten Einzelteilen zusammenzubauen, werden dabei gesamte Bauteile – also Endprodukte – Schicht für Schicht aus Werkstoffen in Pulverform aufgebaut. Die voestalpine hat sich nach dem Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“ auf metallischen 3D-Druck spezialisiert und betreibt entsprechende Forschungszentren in Düsseldorf, Singapur, Taiwan und Toronto. Das qualitativ höchst anspruchsvolle Metallpulver dafür erzeugt sie selbst in Schweden und Österreich.
Der metallische 3D-Druck eignet sich nicht für Massenfertigungen, das würde sich nicht rechnen. Aber für komplexe Einzelstücke oder Kleinserien oder Produkte mit extremen Anforderungen ist der 3D-Druck hervorragend geeignet und erschließt neue Anwendungsbereiche. Er ist also eine wertvolle Ergänzung bisheriger Produktionsverfahren. Die Vision, dass einmal ganze Autos fertig aus dem Drucker kommen, wird aber auch in Zukunft eine Vision bleiben.

Zwischen Realität und Kristallkugel

Was die Zukunft der Digitalisierung noch alles bringen und verändern wird, verrät nicht einmal der Blick in die Kristallkugel. Im Lauf der letzten Jahre sind schon viele Dinge passiert, die lange für unmöglich gehalten wurden, positive, aber auch negative. Bei all diesen Überlegungen ist aber eines klar – auch wenn es bei manchen anders klingen mag – ohne Menschen wird es auch in Zukunft nicht gehen, ihre Rolle hat aber schon längst begonnen, sich zu ändern: Die körperliche Arbeit wird weniger, übrigens seit ewigen Zeiten ein zentrales Ziel in der industriellen Fertigung. Sie wird schrittweise ersetzt durch neue Funktionen in den Bereichen Überwachung, Entwicklung, Moderation, Koordination, Planung und vielen anderen mehr. Was dabei aber auch klar und im voestalpine-Konzern allen bewusst ist: Wir müssen die Qualifikation, die Ausbildung unserer Mitarbeiter diesem Wandel konsequent anpassen, als Voraussetzung einer erfolgreichen Transformation in die digitale Zukunft. Das braucht bei allen, dem Unternehmen genauso wie den Mitarbeitern Flexibilität und Offenheit, vor allem die Bereitschaft, immer wieder Neues zu lernen bzw. zu vermitteln. Dass diese Transformation auch im großen Stil ohne Verlierer möglich ist, hat die Drahtstraße in Donawitz bewiesen und ist das neue Edelstahlwerk in Kapfenberg gerade dabei, aufs Neue zu beweisen – allen anderslautenden Meinungen zum Trotz.

Michael Csoklich