Was einen Formel-E-Piloten so richtig schnell macht 5 Minuten Lesezeit
Karriere

Was einen Formel-E-Piloten so richtig schnell macht

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Die „voestalpine European Races“ feiern ihre Premiere am 13. April in Rom. Als Teil der ABB FIA Formula E Championship kämpfen die Fahrer bei den fünf Europa-Rennen um die begehrte 3D-gedruckte Trophäe von voestalpine. Aber, ganz generell gefragt: Warum sind manche Rennfahrer schneller als andere?

Nur in der Formel 1 fahren (noch) Piloten, die einen besseren Ruf haben. Aber das betrifft dort nur einen Teil des Starterfeldes, noch immer können sich dort Fahrer auch mit hohen Sponsoren-Beiträgen einkaufen.

Die Piloten in der Formel E zählen zu den besten der Welt.

Ein Phänomen, dass es in der Formel E nicht gibt – aufgrund der Budgetdeckelungen und der vielen Werksteams, die solche Platzverkäufe aus Prinzip nicht machen, fahren in der Formel E ausschließlich gut bezahlte Profis, die bewusst für diese Aufgabe ausgesucht wurden. Und jeder der Fahrer hier fährt schon seit seinem dritten oder spätestens sechsten Lebensjahr Kart-Rennen und hat sich in den Nachwuchsklassen Jahr für Jahr nur behaupten können, weil er immer zu den allerbesten seiner Generation gehört hat.

Formel E Sanya

Motorsport ist vor allem eines: Sport!

Das erfordert die klassischen Stärken: Talent, Athletik, Fitness, Reaktionsschnelligkeit, gutes Auge, dreidimensionale Wahrnehmung, Gespür, Konzentrationsvermögen, technisches Grundverständnis, warum das Auto wann was tut, intuitiv richtiges Reagieren auf Situationen, Car Control.

Fahrer und Team können einzelne Einheitsautos besser machen als andere.

Lassen Sie sich vom Wort „Einheitsautos“ nicht zu sehr täuschen. Auch wenn diese Rennwagen in vielen Bereichen ident ausgeliefert werden und dadurch von Natur aus eine Chancengleichheit gegeben ist, die in der Formel 1 unmöglich ist, so haben erst einmal die Teams nun sehr viele Möglichkeiten, das Auto zu verbessern.

Die Hersteller und Teams dürfen einige Bereiche komplett in Eigenregie entwickeln. Der Antriebsstrang, der aus Motor, Getriebe, Inverter, Kühlsystem, Teilen der Hinterradaufhängung sowie der Software besteht, kann frei gestaltet werden. Genau das ist der Grund, warum Autokonzerne so sehr in die Formel E drängen. Hier können sie zum einen zeigen, was sie können – und zum anderen in einem unglaublich verdichteten Hochleistungssport unter Druck extrem viele Rückschlüsse für die Produktion ihrer (künftigen) Serien-Wagen ziehen.

Die Renn-Teams wiederum müssen sich entscheiden, ob sie bei der Motor/Getriebe-Kombination möglichst viel Gewicht einsparen, möglichst viel Drehmoment erzeugen oder eine möglichst ausgeglichene Balance erzielen wollen.

Formel E

Stadtkurse sind ganz anders als offizielle Rennstrecken.

Die meisten Rennfahrer verbringen ihre Karriere auf eigens dafür gebauten Rennstrecken – berühmte Beispiele dafür sind Monza, Silverstone, Hockenheim oder der Red Bull Ring. Das Fahren auf Stadtkursen ist aber völlig anders: die Fahrbahn ist naturgemäß schmäler, und vor allem meist durch Mauern und Banden begrenzt. Mehrere Meter lange Auslaufzonen sind hier nicht möglich. Jeder Fehler wird sofort mit einem Unfall und einer Beschädigung des Wagens bestraft. Die Fahrer fühlen sich unterschiedlich wohl, wenn Mauern so nahe ist. Und das von früh auf. Die Saisonsieger Antonio Felix da Costa und Edoardo Mortara waren etwa schon bei den wenigen Nachwuchsrennen, die auf Stadtkursen ausgetragen werden, in Macau, in Pau oder am Norisring, immer auffallend gut. Es ist kein Zufall, dass sie gut in die Formel E passen.

Stadtkurse sind völlig unberechenbar.

Mehr auf Autos auf weniger Platz – dadurch sind die Zweikämpfe in der Formel E besonders intensiv. Und die Rennen sind unvorhersehbarer, weil es dadurch mehr Zwischenfälle gibt, Kollisionen oder Dreher. Aber auch der Kurs selbst ist weniger simulierbar wie eine Rennstrecke. Auf permanenten Rennstrecken kennen Profi-Teams jeden Millimeter genau, sie haben dort oft schon Tausende von Testkilometern absolviert. Sie kennen die Beschaffenheit des Asphalts und wissen genau, wie sich dessen Oberfläche wo wie verhält.

Der Asphalt von Stadtkursen dagegen ist schwer zu ergründen, in den verschiedenen Straßenabschnitten können im Rest des Jahres sehr unterschiedliche Fahrzeuge ihre Spuren hinterlassen – im wahrsten Sinn des Wortes.

Copyright: Audi Communications Motorsport

Die bessere Vorbereitung kann das Rennen entscheiden.

Fahrer bereiten sich wochenlang akribisch auf die Rennen vor, sie versuchen in extrem aufwendig gebauten Simulatoren möglichst viel über die Strecke in Erfahrung zu bringen. Und gemeinsam mit den Ingenieuren und Technikern erarbeiten sie die bestmögliche Abstimmung für das Auto. Denn auch bei Einheitsautos gibt es Dutzende von Variablen, die selbst gewählt werden können. Will man ein Auto, dass auf der Geraden besonders schnell ist, oder entscheidet sich zum Beispiel dafür ein Setup, dass garantiert, dass der Wagen an einer vermeintlichen Schlüsselstelle wie eine Schikane oder einer besonders langsamen Kurve besonders gut liegt?

Man muss sich auf die Strecke einstellen.

Das alles ist nur der Anfang einer Kette von ganzen vielen Entscheidungen, die getroffen werde müssen: Wie finde ich mit meinem Team die optimale Einstellung für die Strecke? Jede Strecke hat ganz andere Voraussetzungen: wie ist der Asphalt? Wie viele Kurven gibt es und wie eng sind sie? Gibt es eine lange Gerade und wohin führt die Strecke nach dieser langen Geraden? Ändert sich der Asphalt auf der Geraden? Gibt es wo Verschmutzungen oder Unebenheiten? Welche Linie brauche ich eingangs der Kurve, um am Kurvenausgang optimal für die nächste Passage optimal positioniert zu sein? Und gibt es dort vielleicht wieder eine Besonderheit mit dem Asphalt? Wie halte ich die Reifen bei bestmöglicher Qualität, obwohl es im Lauf des Tages höchst unterschiedliche Temperaturen hat?

Im Rennen müssen viele wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Schon am Start muss der Fahrer eine Einstellung finden, mit der er optimal beschleunigen kann, ohne dass die Räder durchdrehen. Dann muss er sich im engen Kampf der 22 Autos, die sich mit in der Stadt in wenigen Sekunden von null auf 200 km/h hochbeschleunigen und wo jedes einzelne Auto eine unberechenbare Variable ist, richtig positionieren. Sowohl im Verhältnis zu den anderen Rennwagen, als auch bei der Wahl der Linie. Wie kann der Fahrer die erste Kurve möglichst schnell durchfahren und ist diese vermeintlich beste Linie, dann auch noch gut, wenn man sich gleich danach für die nächste Kurve wieder positionieren muss? Fahrer, die intuitiv gut reagieren und eine sehr gute dreidimensionale Wahrnehmung haben, sind in dieser Phase des Rennens im Vorteil.

Rennfahrer mit hoher Intelligenz & viel Wissen gefragt.

Rennfahren ist gerade in der Formel E ein Job, der sehr viel Wissen und eine hohe Intelligenz erfordert. Etwa im Bereich des Energiemanagements. Jedes Auto darf nur eine bestimmte Menge an Energie verbrauchen und man muss so fahren, dass man jede Meter Strecke genau die Menge an Energie verwendet, die nötig ist und auf keinen Fall mehr als notwendig. Etwa durch die Art, wie man bremst und beschleunigt, kommt es zu enormen Unterschieden im Stromverbrauch. All das liefert natürlich auch wertvolle Erkenntnisse in Sachen Nachhaltigkeit und effizientes Fahren. Vieles was über das Autofahren der Zukunft wissen muss, um Antriebe optimal zu programmieren, wird hier in den Rennen auf höchsten Niveau getestet. Und so ist jeder Rennfahrer in der nachhaltigen Formel E auch ein Erforscher, ein Teil eines faszinierenden wissenschaftlichen Projektes.

Gerald Enzinger

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