Unter Hochspannung: Was die Formel E jetzt bewegt 4 Minuten Lesezeit
Formel E

Unter Hochspannung: Was die Formel E jetzt bewegt

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Im wunderschönen Marrakesch, das einst von Nobelpreisträger Elias Canetti literarisch verewigt wurde, schrieb die ABB FIA Formula E Championship ihr nächstes Kapitel in der fünften Saison, das erste im neuem Jahr. Und tatsächlich gab es nach einem extrem aufregenden Rennen genug Stimmen, die spannende Geschichten zu erzählen hatten.

Beifall war auch dabei: Wieder entschied sich alles erst auf den letzten Metern, das hat kaum eine andere Serie auf diesem Niveau zu bieten. Zum anderen gab es so manchen Knall: Einen Titelverteidiger, der seine Siegchance schon nach wenigen Metern zerstörte. Eine Kollision der beiden überlegen führenden BMW-Piloten und eine schnelle Pilotin, die für Aufsehen sorgt. Gewonnen hat das Rennen indes ein Wahl-Österreicher, der nun auch Meisterschafts-Leader ist: Jerome D´Ambrosio kommt als Meisterschafts-Führender zum nächsten Rennen in Santiago (Chile). Und das sind die Themen der Stunde im Kompakt-Format:

Die Schmach der Favoriten

Wer wird im Juli in New York der fünfte Meister der ABB FIA Formula E Championship sein? Zwei Piloten, die eine lange gemeinsame Geschichte haben, werden als Top-Favoriten gehandelt: Meister Jean-Eric Vergne (DS TECHEETAH) und Antonio Felix da Costa (BMW i Andretti Motorsport), der erste Saisonsieger. In Marrakesch waren sie aber die beiden Fahrer, die das Wort „Sorry“ am öftesten verwenden mussten. Was sie ohne Ausreden taten. Vergne wollte gleich in der ersten Kurve an Pole-Setter Sam Bird vorbei und die Führung übernehmen. Dabei drehte er sich und er fiel an das Ende des Feldes zurück: „Ich war ein Idiot und habe mich verschätzt. Letztes Jahr in New York gegen Sébastien Buemi hat so eine Aktion funktioniert, doch mit neuen Autos ist es etwas anders. Ich konnte mich nur noch drehen – sonst wäre ich in Sams Auto gefahren und hätte uns beide aus dem Rennen genommen.“ Dass er trotzdem nach toller Aufholjagd noch Fünfter wurde, zeigt aber einmal mehr, dass die Kombination DS TECHEETAH und Vergne die aktuell Schnellste ist. Allerdings hat man nun schon das zweite Rennen nicht gewonnen.

Aber während Vergne noch das Maximum des noch Möglichen herausholen konnte, gab es für Felix da Costa eine Nullnummer: „Am liebsten hätte ich mir ein Loch geschaufelt und mich selbst eingegraben“, seufzt der Auftakt-Sieger. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Alexander Sims überlegen in Führung liegend, kollidierten die beiden, als Sims – der in dieser Phase schneller war – einen Überholversuch startete. Während der Brite sich wieder auf die Strecke zurück kämpfte und Vierter wurde, gab es für den Portugiesen keine zweite Chance dieses Rennen fortzusetzen. Er nimmt die Schuld auf sich und bittet Sims und das Team um Verzeihung: „Wir haben gekämpft, meine Räder haben blockiert und ich habe die Kurve nicht geschafft – und Alex in weiterer Folge dann auch nicht. Jetzt weiß ich: Ich hätte ihm den Sieg überlassen sollen – Platz 2 wäre auch toll für mich gewesen im Meisterschafts-Kampf.“ Was kein Trost ist: Auch bei HWA RACELAB kollidierten die beiden Piloten Vandoorne und Paffett: beide schieden aus.

Formular E Autos in Marakesh

Copyright: ABB FIA Formula E Championship

Der Sieger, der in Wien lebt

Auch für das spätere Sieger-Team MAHINDRA RACING begann das Rennen mit einem Schock: Neuling Pascal Wehrlein wurde in der Startphase torpediert, er musste – höchst verärgert – aufgeben. Dafür aber raste sein Teamkollege Jerome D´Ambrosio, begünstigt durch die Kollision der beiden BMW-Piloten, aber eben auch selbst fehlerfrei, zu seinem dritten Sieg in der Formel E. Bei dem er, kurioserweise, zum ersten Mal auf die oberste Stufe des Podiums durfte. Bei seinen ersten beiden Siegen war der Belgier erst mit Verspätung zum Sieger ernannt wurde, jeweils nach Disqualifikationen von Lucas di Grassi. Mit D´Ambrosio jubelte in Marrakesch seine österreichische Langzeit-Freundin: Eleonora Habsburg, Tochter von Karl Habsburg und Schwester von Ferdinand (selbst Rennfahrer). Gemeinsam leben die beiden zum Teil in Wien. „Es ist so schön, dass meine Freundin dabei gewesen ist bei diesem Rennen und diesen Sieg erlebt hat. Mahindra ist einfach ein großartiges Team, unser Spirit ist ganz besonders.“ Jerome führt nun auch in der Meisterschaft mit einem satten Vorsprung – er hat 40 Punkte, Vergne und Da Costa je 28.

Der neue Speed der Formel E

Marrakesch ist nun die erste Strecke, auf der beide Generationen der Formel-E-Boliden Rennen gefahren sind. Und so hat man es nun offiziell: Die Autos werden immer schneller. Was man am besten an der Entwicklung des Rundenrekords erkennt, der jeweils beim Test am Tag nach dem Rennen erzielt wurde, in beiden Saisonen vom Schweizer Nico Müller (Audi). Er fuhr heuer 1:17,074 – und damit um 2,577 (!) Sekunden schneller bei seiner Rekordrunde in der Vorsaison. Dabei ist Müller in der Formel E nur Testfahrer – bislang ist er mit seinen Jobs in der DTM und in der Rallyecross-WM voll ausgelastet. Anzunehmen aber, dass Müller spätestens nächste Saison auch in der Formel E mitmischen wird.

Die Frau, über die man spricht

Bei dem erwähnten Test, bei dem Müller Rekord fuhr, begeisterte aber auch eine Frau. Die Kolumbianerin Tatiana Calderon erzielte im DS TECHEETAH in der Vormittags-Session die zweitbeste Zeit. Sie war auch schon beim Test in Saudi Arabien, an dem neun weibliche Pilotinnen teilgenommen hatten, eine der besten Damen gewesen. Gut möglich, dass sie sich mit diesen Leistungen für eine Zukunft in der Formel E qualifiziert, und zwar im Starterfeld.

Das nächste Rennen findet am 26. Jänner 2019 in Santiago statt. Und ab 13. April beginnt die Europa-Reise der ABB FIA Formula E Championship mit den fünf voestalpine European Races in Rom, Paris, Monaco, Berlin und Bern.

 

Formular E Fahrer & Fahrerin

Die schnelle weibliche Pilotin Tatiana Calderon. Copyright: ABB FIA Formula E Championship

Gerald Enzinger