Österreichs Formel-E-Pilot Maximilian Günther: „So etwas gibt es in der Formel 1 nicht!“ 5 Minuten Lesezeit
Formel E

Österreichs Formel-E-Pilot Maximilian Günther: „So etwas gibt es in der Formel 1 nicht!“

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Mit 21 Jahren ist Maximilian Günther der jüngste Pilot der ABB Formula E Championship – und dank seiner Doppelstaatsbürgerschaft auch Österreichs erster Pilot in der großen Zukunftsserie des Rennsports. Bei einem Besuch in der voestalpine Stahlwelt in Linz erzählte er aus seinem Leben als Formel-E-Pilot und von den besonderen Reizen dieser im wahrsten Sinn des Wortes hochspannenden Serie, an der sich mehr Autokonzerne als sonst wo beteiligen und die zugleich auch den kleinen Privatteams eine faire Chance gibt.

Sie fahren für das private amerikanische Team Geox Dragon Racing, eines der kleinsten in der Formel E. Trotzdem konnten Sie ihren Boliden in Santiago de Chile in die vierte Reihe der Startaufstellung stellen. Was zum einen für Ihre Qualitäten spricht, zum anderen aber auch zeigt, dass man in dieser Serie – im Gegensatz zur Formel 1 – auch mit weniger Budget vorne mitmischen kann, wenn man gute Arbeit leistet. Das klingt nach viel Spaß.

MAXIMILIAN GÜNTHER: “Ja, das ist mega. Es ist toll, dass man da so viele Automobilhersteller hat, aber sie machen die Serie aktuell noch nicht kaputt, während in der Formel 1 immer die zwei, drei gleichen Teams vorne sind. In der Formel E stimmt der Mix. Und es ist natürlich für uns als Team sehr toll, dass man immer wieder um Punkte kämpfen kann.”

Was waren weitere Argumente, sich in so jungen Jahren für diese Meisterschaft zu entscheiden?

“Sie hat so viel Zukunft! Fast alle großen Automobilhersteller sind hier. Aktuell sind es schon neun, ab dem nächsten Jahr mit Porsche sogar zehn. Das gab es selbst in der Formel 1 noch nie. Es geht hier um neue Technologien. Und der Elektroantrieb ist selbst im Motorsport die Zukunft. Deshalb ist es auch für mich als junger Fahrer ein Privileg, in dieser Serie anzutreten. Was den Stellenwert angeht, ist sie schon jetzt mit der Formel 1 ganz oben. Die Serie gibt es seit fünf Jahren und man kann davon ausgehen, dass sie noch weiter wächst.“

Was sorgt dabei für Hochspannung?

Es ist die Serie mit dem größten Potenzial. Das Auto, das wir hier präsentieren dürfen, ist sehr herausfordernd zu fahren. Jeder, der schon mal ein Elektrofahrzeug im Straßenverkehr fahren konnte, weiß, dass so ein Elektromotor eine unglaubliche Beschleunigung hat. Da hat man sofort die Leistung zur Verfügung. Da sind wir schon jetzt unter drei Sekunden von 0 auf 100. Wir sind diesbezüglich also mit der Formel 1 auf Augenhöhe. Und auch das Thema Energiemanagement ist sehr spannend. Wir Fahrer müssen nicht nur extrem schnell sein, sondern auch intelligent. Etwa wenn es darum geht, sich die Energie richtig einzuteilen. Man hat am Lenkrad einen Hebel für das Energierückgewinnungssystem, mit dem man die Energie zuordnen kann. Es geht nicht nur darum, schnell zu fahren, sondern auch effizient. Es ist sehr cool, das mit den ganzen Überholmanövern zu managen. Das macht mir große Freude.”

Ihre sportliche Bilanz nach drei Stationen in dieser Saison?

“Wir hatten einen schwierigen Saisonstart in Riad. Wegen eines Problems im Qualifying mussten wir von ganz hinten starten. So war das erste Rennen eigentlich mehr ein Datensammeln, während wir jetzt aber auf die Punkte losgehen können. Marrakesch war eine Super-Aufholjagd, da bin ich von ganz hinten auf Platz 11 vorgekommen. Und jetzt in Chile war es für uns ein gutes Wochenende. Im Qualifying war ich auf Platz 7, im Rennen ebenso. Es sah sehr gut aus, aber leider hatte ich dann einen technischen Defekt. Wir sehen aber auf jeden Fall, dass der Speed und das Potenzial einfach vorhanden sind. Wir sind zwar ein kleines Team, aber wir versuchen alles, was in unseren Möglichkeiten steht, herauszuholen. Wir hoffen, dass uns das noch öfter dieses Jahr gelingt, vorne mitzufahren.”

Eine Challenge ist ja das extrem dichte Programm. In der Formel 3 etwa hatten Sie drei Tage, drei Rennen, lange Fahrzeiten. Nun ist alles kurz und knackig. Wie stellt man sich darauf ein? Auf einem Stadtkurs stelle ich mir das noch schwieriger vor, weil man ja schnell was kaputt machen kann, wenn die Mauern so nah sind.

Wir haben extrem wenig Trainingszeit – und das auf einem Stadtkurs, der für alle komplett neu ist. Du versuchst also, dein Talent in der kurzen Zeit so gut wie möglich einzusetzen, denn du hast nicht viel Zeit, über irgendwas viel nachzudenken, irgendwas vorauszuplanen. Du musst einfach dort hinkommen und mit deinem Gefühl in dem Auto so schnell wie möglich auf Speed kommen. Und dann natürlich an diesem Tag mit dem Team arbeiten, die Daten nutzen, um das Auto weiterzuentwickeln und schneller zu werden. Grundsätzlich geht es aber darum, dass man aus dem Stand sofort ein gutes Niveau erreicht. Das macht viel Spaß, das kennt man eigentlich sonst nur aus dem Fahren bei Regen auf anderen Strecken, wenn es ein bisschen unberechenbarer ist. Und so ist es eigentlich bei uns in der Formel E die ganze Zeit, weil es einfach nicht vorhersehbar ist. Die Stadtkurse sind extrem eng, oft schmutzig und dadurch rutschig. Das ist sehr herausfordernd.

Auch speziell: die Fans werden in das Renngeschehen miteinbezogen.

Ja, durch den Fan-Boost und den neuen Attack-Mode ist es möglich, Extra-PS abzurufen. Daher gibt es permanent Verschiebungen in unseren Rennen, während es in der Formel 1 oft nach einigen Runden absehbar ist und nur noch von der Strategie beeinflusst wird. Bei uns gibt es von der ersten bis zur letzten Runde Überholmanöver. Das ist Spannung pur – und es ist einfach unberechenbar. Das ist es, was die Fans wollen. Und das, was auch uns als Fahrer enorm viel Spaß macht.

Bei den fünf Rennen in Europa – in Rom, Paris, Monaco, Berlin und Bern – gibt es noch ein zusätzliches Spannungs-Element. Denn bei den voestalpine European Races wird eine eigene Meisterschaft in der Meisterschaft ausgetragen. Eine Art Grand Slam…

So eine zusätzliche Meisterschaft in der Meisterschaft macht es natürlich noch einmal spannender. Das ist für uns alle ein großer Anreiz. Außerdem haben die Europarennen ein besonderes Flair mit den tollen Städten. Da werden auch viele Fans kommen. Es ist auch toll, so einen Grand Slam wie beim Tennis in der Formel E zu haben – mit der Trophäe von der voestalpine, die es für den Besten dieser fünf Rennen zu gewinnen gibt. Das ist natürlich für uns alle ein riesengroßer Anreiz.

Zumal sie ja Österreicher sind, wie auch Deutscher.

“Sehr viel Österreicher. Meine Mutter kommt aus dem Kleinwalsertal. Österreich war immer meine Heimat, deswegen habe ich auch die Staatsbürgerschaft. Ich verbringe auch sehr viel Zeit in Vorarlberg, dort lebt meine Oma. Immer wieder, wenn ich in zwischen den Rennen Luft habe, besuche ich sie. Für mich ist Österreich auf jeden Fall pures Wohlfühlen. Und das Wiener Schnitzel schmeckt mir auch.

 

Gerald Enzinger