Formel E: Die aufregendste Drama-Serie des Rennsports 4 Minuten Lesezeit
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Formel E: Die aufregendste Drama-Serie des Rennsports

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Ganz großes Kino, Marke Suspense-Thriller: Das ist die ABB FIA Formula E Meisterschaft in der Season 5. Ein Rennen spannender und abwechslungsreicher als das davor. In Mexiko etwa wurde erst auf den allerletzten Metern zwischen Sieg und Niederlage entschieden.

Selbst Veteranen des Rennsports wie Audi-Motorsportchef Dieter Gass sagen: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Die wichtigsten Akte rund um den Thriller von Mexiko, der den vierten Sieger im vierten Rennen der Saison brachte. Im vierten verschiedenen Team.

Der Mann, von dem man spricht

Pascal Wehrlein (24) hat in der Formel E auf Anhieb Eindruck gemacht. Der Mahindra-Pilot, der beim ersten Rennen der Saison noch fehlte (Mercedes, bei denen er bis 31.12.2018 noch unter Vertrag stand, gab ihm keine Freigabe für das Dezember-Rennen in Saudi Arabien), war im Autodromo Hermanos Rodriguez der klar schnellste Mann: erst mit seiner Pole Position, dem Produkt einer überragenden Qualifying-Runde, dann damit, dass er vom ersten Meter an in Führung des Rennens lag – bis keine zehn Meter vor der Ziellinie. Dann presste sich Lucas di Grassi noch zwischen Wehrlein, dessen Mahindra keine Energie mehr hatte, und der Boxenmauer durch. Und dann kassierte der Deutsche wegen Abkürzens der Schikane noch eine Fünf-Sekunden-Strafe, was in der unglaublich umkämpften Formel E gleich die Rückversetzung auf Platz 6 (!) bedeutete. „Trotzdem bin ich mit Ausnahme der letzten Runde glücklich“, meint Wehrlein, der in seinen Nachwuchsjahren auch viel Zeit in Oberösterreich verbracht hat.

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Herzschlagfinale in Mexico City (Copyright: ABB FIA Formula E Championship)

Hätte Wehrlein den Sieg ins Ziel gebracht, hätte er die Führung in der Meisterschaft übernommen! Und das obwohl er bei einem der vier Rennen fehlte – und er in Marokko ohne eigene Schuld von der Strecke gerammt wurde. Übrigens von… Lucas Di Grassi. PS: In seinem Zweitjob ist Wehrlein jetzt Entwicklungsfahrer im Ferrari-Formel-1-Team. Seine Verpflichtung war ein Wunsch von Sebastian Vettel, der große Stücke auf seinen Landsmann hält. Er ist damit nicht der einzige.

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Copyright: ABB FIA Formula E Championship

Der Mann, der zu viel wusste

Lucas di Grassi spricht nach dem Rennen in Mexiko Klartext: „Das war das beste Rennen meiner Karriere!“ Und das obwohl er gerade in Mexiko schon vor zwei Jahren spektakulär gewonnen hat – damals mit einer Aufholjagd von 16 auf 1. Dieses Mal glänzte er mit dem perfekten Energie-Management: Während den beiden Nissan-Piloten Rowland und Buemi ebenso der elektrische Treibstoff ausging wie Wehrlein, kam Di Grassi perfekt mit einem Prozent Ladespeicher ins Ziel: „Ich habe es gewusst, dass Pascal die Energie ausgehen wird. Am Anfang muss man einfach sehr sparsam sein!“ Beeindruckt ist auch Di Grassis Motorsportchef bei Audi, Dieter Gass: „Ein solches Überholmanöver praktisch auf der Ziellinie habe ich noch nie gesehen.” Und Gass kennt die Formel 1, die DTM, die WEC.

"Das war das beste Rennen meiner Karriere!"
Lucas di Grassi
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Lucas di Grassi gewann in Mexico Cirty (Copyright: ABB FIA Formula E Championship)

Über den Dächern von Mexico City

Okay, der Titel ist maßlos übertrieben, trotzdem sorgte der „Höhenflug“ von Nelson Piquet im Jaguar für Aufregung. Der Brasilianer war auf das Auto von Jean-Eric Vergne aufgefahren und in die Luft katapultiert worden: „Ich dachte, er bremst später!“ Zum Glück blieben alle unverletzt, allerdings musste das Rennen kurz abgebrochen werden – zum ersten zweiten Mal in der Geschichte der Formel E kam die „Rote Flagge“ raus.

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Copyright: ABB FIA Formula E Championship

Der unsichtbare Vierte

Jerome D´Ambrosio stand an diesem Renntag klar im Schatten seines Teamkollegen Pascal Wehrlein – und hatte trotzdem, von vielen unbeobachtet, ein sensationelles Rennen. Der Mahindra-Fahrer stürmte von Platz 19 auf 4 vor. Damit kommt er als Meisterschafts-Führender nach Hongkong zum nächsten Rennen am 10. März.

Wer hat Angst vor Susie Wolff?

Der Aufstieg des Venturi-Teams lässt das ganze Fahrerlager applaudieren. In den ersten beiden Rennen noch hinten, war Venturi wie schon in Santiago nun auch in Mexiko extrem stark. Susie Wolff, die einzige Frau in der Teamchef-Rolle, hat ganze Arbeit geleistet, ebenso ihre Piloten: Edo Mortara wurde Dritter, Felipe Massa Achter, nachdem er im Qualifying sogar auf Rang 3 gekommen ist. Wolff hält große Stücke auf ihren brasilianischen Star-Einkauf: „Felipe darf man nie unterschätzen. Er ist ein großartiger Fahrer – und zudem mit seiner Erfahrung sehr wertvoll für das ganze Teamgefüge.“ Die beiden kennen sich gut. Im Formel-1-Team von Williams waren sie einst Teamkollegen.

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Gerald Enzinger