Ein Weltklasse-Pilot erklärt: So läuft ein Testtag in der Formel E 4 Minuten Lesezeit
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Ein Weltklasse-Pilot erklärt: So läuft ein Testtag in der Formel E

Gerald Enzinger
10 Jahre Chefredakteur der SportWoche und seit 20 Jahren als Journalist auf den Rennstrecken dieser Welt unterwegs. In Österreich u.a. für die Autorevue, www.motorprofis.at und die Kleine Zeitung.

Nur beim Testen wird man zum Besten! Diese alte Rennfahrer-Weisheit gilt natürlich auch in der jüngsten Serie von globaler Bedeutung, in der Formel E. Was aber geschieht in einer Testwoche, wie etwa aktuell in Valencia, genau? Im Interview erklärt Audi-Pilot Daniel Abt, der seit dem ersten Rennen in dieser Meisterschaft dabei ist und zu den besten und erfolgreichsten Piloten der Formel E-Geschichte gehört, was an Tagen wie diesen zu tun ist.

Motorsport-Journalist Gerald Enzinger berichtet aus Valencia

Wie sieht denn so eine Testwoche in der Formel E aus und wie sehr unterscheidet sie sich etwa von einer in der Formel 3 oder in der WEC?

DANIEL ABT: Ich weiß gar nicht, ob die Unterschiede so groß sind. Für uns ist es natürlich wichtig, mit dem Letzt-Stand des Autos hier anzukommen und zu schauen: Funktioniert das alles für das Rennen? Das heißt: softwaremäßig wird geguckt, ist alles wie wir uns das gedacht haben, oder müssen wir noch was verändern? Können wir Feintuning betreiben? Wichtig ist es, auf einen Renn-Stand zu kommen, wo man weiß: der funktioniert. Denn wenn du zum ersten Rennen kommst, musst du ein sicheres System haben. Und das wird hier noch einmal geprüft. Hardwareseitig können wir eh nicht mehr großartig was ändern. Hier sind die meisten Entscheidungen schon gefallen.

Und am Setup des Autos kann man Dinge erproben?

Da schon. Angefangen mit den Reifendrücken, Sturz, Spur, Differential. Eben verschiedene Dinge, die man einstellen kann – wobei da muss man halt auch vorsichtig sein, weil die Rennstrecke in Valencia natürlich nicht repräsentativ ist für die Stadtkurse, auf denen wir die Meisterschaft fahren. Deshalb kann man hier versuchen das Auto optimal einzustellen. Deshalb hat man aber nicht automatisch den Rennwagen, den man dort braucht. Darum ist hier immer noch ein Abwägen und wir haben viele Fragezeichen. Um es genau zu wissen, müsste man eine ganze Stadt absperren und einen Kurs machen (schmunzelt).

Formula E

Copyright: Audi Communications Motorsport / Michael Kunkel

Wie sieht ein Testtag wie in Valencia konkret aus? Wie unterschiedlich sind die Programme, die die beiden Piloten Ihres Teams fahren?

Der Tag beginnt mit einem Start-Meeting. Da sind die Fahrer dabei, die wichtigsten Ingenieure. Wir planen den Tag. Der Run-Plan wird durchgegangen, dabei geht es darum: wer fährt was und wann? Die beiden Fahrer werden dabei natürlich aufeinander abgestimmt, aber unsere jeweiligen Programme sind jetzt nicht arg unterschiedlich. Vielleicht ist es so, dass der eine einmal Setup A fährt und der andere Setup B, um mal zu schauen wie der Vergleich ist. Dann fährt man die Morning-Session durch bis zur Mittagspause, in der es ein Debriefing gibt, in dem man sich noch einmal auf den letzten Stand bringt und schaut, ob man noch etwas anpassen soll. Dann nachmittags noch einmal fahren und wieder Nachbesprechung. Im Prinzip spricht aber immer jeder mit jedem und zwischen den Crews der beiden Fahrer herrscht Transparenz.

Wie viele Leute sind bei einem Test an der Strecke?

25. Im Gegensatz zu den Rennen ist die Menge hier nicht begrenzt.

Die Reifen in der Formel E haben weniger Bedeutung als in anderen Serien. Wirkt sich das auch auf die Testprogramme aus?

Ja und nein. Die Art der Reifen wirkt sich darauf aus, dass wir weniger Verschleiß haben. Aber: Es ist ja trotzdem wichtig, dass man die Reifen auf die richtige Betriebstemperatur bringt – weil sie eben in einem bestimmten Fenster am besten funktionieren. Und da ist es nun nicht so, dass das beim Rausfahren einfach mal passt. Grad mit dem neuen Auto jetzt und den Reifen ist es schon schwierig, alle vier Reifen wie erwünscht zum Arbeiten zu bringen. Speziell deshalb weil die Hinterachse oft sehr schnell überhitzt mit der Mehr-Leistung an PS jetzt. Das Arbeitsfenster ist aber nicht so viel größer als in der anderen Serien, der Unterschied ist eher die Haltbarkeit.

Und wie groß ist der Unterschied Rennen und Qualifying, was die Reifen betrifft?

Das ist jeweils eine ganz grundsätzlich andere Herangehensweise. Im Qualifing haben wir 250 kw, das heißt: volle Leistung, volle Power, Energie spielt keine Rolle. Dafür hat man nur eine Runde, da muss alles auf den Punkt passen. Das heißt: in der Aufwärmrunde muss man alles hinbekommen. Im Rennen ist es ganz anders, weil wir da a) nur weniger Leistung haben, weil wir Energiemanagement haben und weil Temperatur eine Rolle spielt. Im Rennen sind viel mehr Dinge zu beachten.

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Formel E Testfahrten in Valencia. Copyright: Audi Communications Motorsport / Michael Kunkel

Wie beobachtet man die Konkurrenz beim Test? Hat man Wissen darüber, was die anderen gerade machen und welche Programme sie fahren?

Gerade auf eine Runde ist es total gleich und man sieht: wer kann was? Im Rennen ist es so eine Sache, weil da natürlich zusammenhängt: wie lang sind die Stints? Wer kürzer fährt, ist natürlich schneller, weil er ja mehr Energie zur Verfügung hat.

Die Rennsimulation stelle ich mir schwierig vor – so lange man in diesem Format noch kein Rennen gefahren ist.

Absolut! Man kann viel simulieren, aber wenn es dann auf einem Stadtkurs um die Wurst geht und die Action beginnt, passiert vieles anders als geplant.

Gerald Enzinger