Interview mit Margaretha Maleh von Ärzte ohne Grenzen (Teil II) 4 Minuten Lesezeit
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Interview mit Margaretha Maleh von Ärzte ohne Grenzen (Teil II)

Christopher Eberl
Christopher Eberl ist redaktionell verantwortlich für die Karriere-Themen sowie für die Lehrlingswebsite. Mit seinen Geschichten gewährt er Einblicke in die Arbeitswelten des voestalpine-Konzerns.

Die voestalpine unterstützt angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Im zweiten Teil des Interviews spricht Margaretha Maleh, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, vor allem über ihre persönlichen Erlebnisse in Krisengebieten vor Ort und die Organisation von Einsätzen weltweit.

Margaretha Maleh, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich

Margaretha Maleh, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, im Interview.

Im ersten Teil des Interviews mit Margaretha Maleh sprach die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich über aktuelle Projekte und Herausforderungen in der Flüchtlingskrise. Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie, wie Helfer innerhalb der Organisation auf humanitäre Hilfseinsätze vorbereitet werden und welche Erfahrungen Margaretha Maleh selbst am meisten geprägt haben:

 

In welchen Krisengebieten waren Sie schon vor Ort im Einsatz und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Ich war bereits vier Mal jeweils 6-9 Monate in ganz unterschiedlichen Projekten im Einsatz. Mein erster Einsatz 2008/09 führte mich nach Papua Neuguinea, wo Ärzte ohne Grenzen ein Zentrum für die medizinische und psychologische Behandlung von Opfern von sexueller und häuslicher Gewalt eingerichtet hat. Bei meinem Einsatz im Irak 2010/11 – vor allem in Badgad & Fallujah – bestand meine Aufgabe in der Ausbildung und Supervision von psychosozialen Beratern, wobei ich vor allem in Jordanien (Amman) stationiert war und je nach Sicherheitslage in den Irak gereist bin. Im Jahr 2013 war ich in dem Flüchtlingslager Domeez/Kurdistan. Ärzte ohne Grenzen betreibt dort ein Krankenhaus und ich war für die psychosoziale Ausbildung und Supervision von syrischen Psychologen verantwortlich. Mein nächster Einsatz führte mich 2013/14 in den Süden von Bangladesch, wo Ärzte ohne Grenzen in einem Flüchtlingslager die Volksgruppe der Rohingas medizinisch und psychologisch betreut. In all diesen Einsätzen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Leid kennt keine Ländergrenzen und, egal welche Ursache, einfach menschlich ist. Lediglich der Ausdruck des Leidens kennt kulturelle Unterschiede. Durch Respekt und Mitgefühl können wir diese Unterschiede überwinden und uns solidarisch engagieren.

Was ist Ihre persönliche Motivation?

Die Solidarität mit Menschen in Not, Offenheit und Interesse an anderen Kulturen, verbunden mit dem Wissen um das unsägliche Leid in vielen Teilen unserer Welt, haben mich dazu bewogen, meine Kompetenzen und Erfahrungen als Psychotherapeutin dafür einzusetzen, menschliches Leid zu lindern.

Wie sieht ein typischer Einsatz von „Ärzte ohne Grenzen“ aus? Wie viele Leute sind vor Ort?

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen entsendet zum Beispiel bei schwerwiegenden Krisen, Katastrophen oder bei Ausbruch von Seuchen sogenannte „Assessment-Teams“. Diese stellen dann vor Ort den dringendsten medizinischen und humanitären Bedarf fest und planen den Einsatz. In Kooperation mit den zuständigen Behörden wird die erforderliche Logistik vor Ort eingerichtet und parallel dazu ein internationales Team zusammengestellt. Je nach Hilfsprogramm kommen auf einen internationalen Helfer rund 10 nationale Helfer. Durch unsere jahrzehntelange Erfahrung mit Kriseneinsätzen haben wir ein sehr gut funktionierendes System aufgebaut.

Wie werden die Helfer vorbereitet und welche Sicherheitsmaßnahmen müssen ergriffen werden?

Wir rekrutieren ausschließlich qualifiziertes Fachpersonal, das dann vor dem ersten Einsatz ein 14-tägiges Spezialtraining erhält – ein sogenanntes PDT, Pre Departure Training. Vor der Abreise in das Zielland gibt es nochmals ein ausführliches Briefing mit allen relevanten Informationen zur Kultur, Sicherheitslage und den Tätigkeiten. Rund 60 % der Einsatzkräfte kommen aus dem medizinischen Bereich, die Anderen aus den Bereichen Logistik, Technik, Personal- und Finanzwesen sowie Anthropologie. Als Freiwillige sind sich die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen der Risiken und Gefahren ihrer Einsätze bewusst. Für jedes Projekt wird je nach Gefahrenrisiko – mit unterschiedlichen Einstufungen – ein Sicherheitsplan erstellt. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind aber immer unbewaffnet.

Welchen Effekt hatte der Friedensnobelpreis für Ärzte ohne Grenzen?

Der Friedensnobelpreis – den Ärzte ohne Grenzen im Jahr 1999 erhalten hat – ist eine Anerkennung für humanitäre Arbeit, die geleistet wird und auch ein Zeichen der Wertschätzung. Mit dem Preisgeld hat die Hilfsorganisation die „Access Kampagne“ gegründet, die Lobbying für Forschung und Entwicklung im Bereich vernachlässigter Krankheiten betreibt, um den Zugang zu erschwinglichen und wirksamen Medikamenten voranzutreiben.

Wie wichtig es, dass auch Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen?

Durch die Unterstützung der voestalpine ist es uns zum Beispiel möglich, im Flüchtlingscamp in der Bekaa-Ebene im Libanon basismedizinische und reproduktive Gesundheitsversorgung zu leisten. In diesem Camp, wo aktuell rund 430.000 syrische Flüchtlinge leben, liegt ein besonderer Fokus auf der Behandlung von Schwangeren und Neugeborenen im Mutter-Kind-Zentrum. Aber auch direkt in Syrien, im Irak und in Jordanien können dank voestalpine Kriegsflüchtlinge von Ärzte ohne Grenzen versorgt werden. Es ist enorm wichtig ein Bewusstsein für Solidarität zu schaffen – und hier leistet die voestalpine auch mit der internen und externen Kommunikation einen wichtigen Beitrag dafür. Ärzte ohne Grenzen bedankt sich für das vorbildliche Engagement der voestalpine und hofft, dass sich noch viele Unternehmen der globalen Verantwortung verpflichten. Denn wir können es nur gemeinsam schaffen!

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