Interview mit Franz Luef von Ärzte ohne Grenzen (Teil II) 4 Minuten Lesezeit
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Interview mit Franz Luef von Ärzte ohne Grenzen (Teil II)

Christopher Eberl
Christopher Eberl ist redaktionell verantwortlich für die Karriere-Themen sowie für die Lehrlingswebsite. Mit seinen Geschichten gewährt er Einblicke in die Arbeitswelten des voestalpine-Konzerns.

Die voestalpine unterstützt angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Im zweiten Teil des Interviews spricht Franz Luef, Advocacy & Humanitarian Affairs Representative bei Ärzte ohne Grenzen Österreich, über seinen Einsatz in Syrien, zukünftige Herausforderungen und was ihn motiviert.

Der gebürtige Steirer, Franz Luef, ist bereits seit 2003 bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und war bisher in den verschiedensten Ländern und Positionen tätig. Im ersten Teil des Interviews lesen Sie unter anderem mehr über seinen beruflichen Werdegang sowie über das Projekt, welches ihm am meisten in Erinnerung geblieben ist.

Interview mit Franz Luef von Ärzte ohne Grenzen

Franz Luef, Advocacy & Humanitarian Affairs Reprsentative, Ärzte ohne Grenzen Österreich

Der Krieg in Syrien befindet sich bereits im 5. Jahr und mehr als 4 Millionen Menschen mussten flüchten. Sie selbst waren in Syrien sowie im Jemen und in Jordanien tätig. Was waren hier Ihre Funktionen und welche Erfahrungen konnten Sie hier sammeln?

2011, bereits zu Beginn des „Arabischen Frühlings“, leitete ich ein kleines Nothilfeteam in Aden, im Süden Jemens. Unser Ziel war es, die bestehende Gesundheitsinfrastruktur zu unterstützen, sei es nun in Form von spezialisierten Trainings (etwa zum Umgang mit einer großen Anzahl von Verletzten) oder durch die Bereitstellung von lebenswichtigem medizinischem Material. Leider ist die Situation im Jemen schlimmer denn je und die humanitäre Lage aufgrund des anhaltenden Konflikts katastrophal.

2012 war ich für den Aufbau eines Feldspitals im Norden von Aleppo zuständig. Zuerst galt es einen Platz zu finden, der sicher genug war um ein Feldspital einzurichten. Einen Ort, wo sowohl die Patienten, unsere Mitarbeiter, als auch die Bevölkerung, die um das Krankenhaus herum lebt, sicher sind. Wir entschieden uns für ein Dorf nördlich von Aleppo, nahe an der Türkischen Grenze. Eines der Gebäude beherbergt die Notaufnahme, die stationäre Abteilung und eine Geburtenstation, das zweite Gebäude einen Operationssaal und den Aufwachraum. Nach nur  wenigen Wochen konnten wir bereits die Ambulanz eröffnen und kurz später das Feldspital zur Gänze in Betrieb nehmen. Diese Hilfe ist heute wichtiger denn je, da derzeit rund 100.000 Vertriebene an der Grenze zur Türkei festsitzen bzw. ein kurzer Film über unsere Ärzte und medizinisches Personal im Feldspital von Aleppo.

2013 war ich dann für die Bedarfserhebung für ein neues Projekt im Norden von Jordanien, an der Grenze zu Syrien, zuständig. Mit Anfang 2014 startete dann auch das Projekt zur medizinischen Betreuung von Syrern mit chronischen Erkrankungen (Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen), die keinen Zugang zum Jordanischen Gesundheitssystem haben. Eine der größten aktuellen Herausforderungen ist hier im Augenblick, Zugang zu den syrischen Flüchtlingen im Nordosten Jordaniens zu bekommen, wo im Augenblick 60.000 Menschen von der humanitären und medizinischen Versorgung abgeschnitten sind.

Welche Herausforderungen wird Ihrer Meinung nach die aktuelle Flüchtlingsproblematik auch in Zukunft mit sich bringen?

Durch Konflikte und Verfolgung erreicht die Zahl der von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen ein trauriges Rekordniveau: 2015 lag die Gesamtzahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen und Asylsuchenden weltweit bei rund 65 Millionen. Nur ein sehr kleiner Teil davon sucht Schutz in Europa; der Großteil sucht innerhalb ihres Landes oder in Nachbarstaaten Zuflucht. In den vergangenen zwei Jahren starben zehntausend Menschen beim Versuch, Europa über das Mittemeer zu erreichen. Die europäischen Abschreckungsstrategien zwangen sie zu dieser Route.

Doch statt in ein funktionierendes gemeinsames EU-Asylsystem, ein wirkungsvolles „Ressettlement“-System oder Rettungskapazitäten am Mittelmeer zu investieren und legale und sichere Wege für Asylsuchende zu schaffen, setzt Europa seine verheerende Abschreckungs- und Abschottungsstrategie fort. Dabei scheint die EU auch nicht vor einer Abkehr von geltendem Recht und internationalen Konventionen zum Schutz von Flüchtlingen haltzumachen. In unseren Projekten sehen wir leider täglich die Konsequenzen dieser Politik. Diese Politik, bei der es darum geht, Menschen die Schutz suchen möglichst effektiv fernzuhalten, schafft einen gefährlichen Präzedenzfall. An Länder außerhalb Europas, die bisher viele Flüchtlinge aufgenommen haben, wird dadurch eine Botschaft ausgesandt: Die Betreuung von Menschen auf der Flucht sei eine Wahlmöglichkeit, keine humanitäre Pflicht. Man hat die Option, sich freizukaufen, lautet das Signal.

Was ist Ihre tägliche Motivation für Ihren Beruf?

Ich darf hier vielleicht auf mein erstes Bewerbungsgespräch bei Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2003 verweisen:

"Es gibt Menschen, die aufgrund von Krieg, Krankheit oder Missständen leiden und unsere Hilfe brauchen. Ich kann und will dazu beitragen, diesen Menschen meine Unterstützung zu geben. Ärzte ohne Grenzen ist mehr als nur ein Job – ich will mit dabei sein, und nicht nur eine Vision von einer besseren Welt haben."
Franz Luef, Advocacy & Humanitarian Affairs Reprsentative, Ärzte ohne Grenzen Österreich

Daran hat sich in den letzten 13 Jahren nichts geändert. Im Gegenteil!

 

Christopher Eberl