Greentech: Boomende Märkte im Umbruch 5 Minuten Lesezeit
Energie

Greentech: Boomende Märkte im Umbruch

Stephanie Bauer
Als voestalpine Digital Native der ersten Stunde ist Stephanie Bauer für die Corporate Online & Social Media Strategie verantwortlich, als Chef vom Dienst für das Themenmanagement im Newsroom.

Die Zeiten des gemütlichen Nischendaseins für grüne Energietechnologien sind vorbei. Das ist die Botschaft der Financial Times Deutschland-Konferenz „Greentech“, die vor kurzem in Frankfurt stattfand. Ein Geschäft könnte es aber allemal noch werden, das Erfolgsrezept lautet auch hier Forschung und Entwicklung.

Rund einhundert Teilnehmer aus der Umwelttechnologiebranche hatten sich in der Villa Kennedy in Frankfurt eingefunden, um sich über die neuen Trends am Weltmarkt für Umwelttechnologie zu informieren. Die Ausgangslage: Der Markt befinde sich in einem dramatischen Umbruch, und der betreffe die Großen wie die Kleinen. Jetzt gehe es darum, auf dem Weltmarkt für Umwelttechnologie zu bestehen und Überlebens- und Wachstumsstrategien zu entwickeln. Denn zu verdienen gebe es jedenfalls noch genug.

Enormes Wachstumspotenzial bei Sonne und Wind

„Da ist viel Musik drin“, sagt Thorsten Henzelmann, Berater vom Strategie-Consulter Roland Berger. „Jetzt gilt es die Chance zu nutzen.“ Denn die Märkte für Umwelttechnik sind im Wachsen begriffen, und das Weltmarktvolumen beträgt derzeit satte 1.400 Mrd. Euro. Vor allem die nachhaltige Wasserwirtschaft und der Leitmarkt Energieeffizienz machen dabei mit zwei Drittel den größten Anteil aus. Henzelmann geht davon aus, dass sich das Marktvolumen bis 2020 auf mindestens 3.100 Mrd. Euro mehr als verdoppeln wird. Besonders Technologien, die auf Energieeffizienz setzen, werden davon profitieren.

Eine ähnliche Dynamik gebe es auch auf dem Photovoltaikmarkt, sagt Winfried Hoffman, Vizepräsident des deutschen Solarverbandes und Vorstandsmitglied von „Applied Materials“, einem führenden Hersteller von Solarpanel-Maschinen. Nicht zuletzt durch die Klimaziele der EU werden Szenarien wahrscheinlich, die eine Verfünffachung des Photovoltaik-Marktvolumens von derzeit 90 Milliarden auf mehr als 500 Milliarden Euro ermöglichen könnten.

Das so genannte „Paradigmenwechselszenario“, das kürzlich auf der Jahrestagung des Europäischen Solarverbandes präsentiert wurde, geht dabei davon aus, dass mittelfristig der gesamte Strombedarf Europas aus erneuerbaren Quellen abgedeckt werden könnte – nach Hoffmanns Ansicht nicht unrealistisch, sofern Europas Länder tatsächlich die Energiewende vollziehen werden.

Wachstumsmarkt Greentech

Dafür nötig wäre freilich eine Reihe von infrastrukturellen Maßnahmen, wie beispielsweise massive Investitionen in intelligente Netze (Smart Grids) und neue Speichertechnologien. Für die Solarindustrie wäre der boomende Markt jedenfalls leicht zu versorgen. Hoffmann: „Der Markt hatte in den letzten Jahren Zuwachsraten von 45 Prozent jährlich. Die Kapazitäten sind jedenfalls da.“ Dass Photovoltaik teuer und nur durch hohe Subventionen überlebensfähig sei, lässt Hoffmann nicht gelten. Die Preise pro installierter Kilowattstunde würden bis 2020 von derzeit 3.500 auf 1.000 Euro fallen. Zwischen 2020 und 2035 würde Solarstrom zudem durch verbesserte Technologie die so genannte „Gridparität“ erzielen, das heißt Solarstrom würde gegenüber konventioneller Stromproduktion wettbewerbsfähig werden.

Nur jeder 38. Euro fließt in Forschung: Europa droht (auch hier) das Nachsehen

Ob das Geschäft freilich europäische oder besser deutsche Platzhirschen machen werden, steht auf einem anderen Blatt. Denn die Konkurrenz aus Fernost hat nicht geschlafen. Mittlerweile bieten chinesische Produzenten die gleiche Qualität von Solarpanelen um 30 Prozent billiger an. Für den Strategieberater Torsten Henzelmann ein Alarmzeichen, das auf Mängel in der deutschen Solarindustrie hinweise. Trotz großer staatlicher Förderungen sei zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert worden.

„Es besteht das Risiko, die Technologieführerschaft zu verlieren und damit am Markt ins Hintertreffen zu gelangen“, sagt Henzelmann. Ins selbe Horn stößt Görge Deerberg vom Fraunhoferinstitut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT: „Nur jeder 38. Euro fließt in die Forschung. Das ist alarmierend.“

Premiumqualität als Luxus?

WindanlagenAuch die Windanlagenbauer wurden in den letzten Jahren von den Entwicklungen fast überrollt. „Am Markt herrscht eine ungeheure Dynamik, die hat uns wirklich überrascht“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Marktführers des Windanlagenbauers Nordex, Thomas Richterich. Denn das Geschäft für Windanlagen hat sich wesentlich schneller nach Fernost verlagert als angenommen. 2006 lag der europäische Windmarktanteil noch bei 85 Prozent. Heute beträgt er gerade noch 30 Prozent. Richterich: „Wir machen heute 70 Prozent unseres Umsatzes in China.“ Dort aber herrschen eigene Spielregeln, die man erst einmal beherrschen müsse. Neue chinesische Player seien innerhalb von nur drei bis vier Jahren auf dem Markt erschienen, und es herrscht ein enormer Preisdruck. „Deutsche Premiumqualität ist eigentlich nur im schmalen Luxussegment verkäuflich.“

Der Windanlagenbauer versucht daher den Spagat zwischen Internationalisierung und dem Schutz des eigenen Know-hows durch „Downsizing“ zu meistern. Was möglich ist, wird vor Ort produziert – und angeboten wird nicht die neueste Technologie. „Ein Getriebe etwa, das garantiert mehr als 20 Jahre hält, wird gar nicht nachgefragt“, so Richterich. „Gekauft wird lieber eines, das billiger ist, aber nur zehn Jahre hält. Aber vielleicht entwickelt sich aus dem Getriebetausch ja auch noch ein Geschäft.“
Technologieführerschaft wurde auch von den Konferenzteilnehmern jedenfalls weiterhin als wichtigste Bedingung angesehen, um am Weltmarkt bestehen zu können. Allerdings zeigt eine Studie, dass einzelne Branchen ihren Vorsprung bereits verloren haben. „Zu sehen ist dies beispielsweise im Bereich energieeffizienter Weißer Ware“, sagt Strategieberater Henzelmann. „Zwar ist man noch nicht auf die hintersten Ränge gerutscht, aber ein Trend nach unten ist bereits feststellbar.“

Den Vorsprung in der Verfahrenstechnik hätte die deutsche Solarindustrie während des Aufbaus des chinesischen Marktes verspielt, und zwar „geradezu leichtfertig“, meint Helmut Vorndran vom Risikokapitalfond Ventizz Capital Partners. „Man hat zu stark Wissenstransfer an die Zulieferer betrieben. Und die haben Prozesstechnik dann nach China verkauft.“ Da sei die Automobilindustrie klüger. Vorndran: „Man kann sich kein Fertigungs-Know-how von BMW oder VW kaufen, mit dem man dann in China dieselbe Qualität produzieren kann. Und das ist auch gut so.“

Marktvolumen Greentech-Weltmarkt

Produktions- und Bedarfsschwerpunkte in ausgewählten Ländern *)

Produktionsschwerpunkte von Umwelttechnologien

  • USA: Energieeffiziente Weiße Ware, Windkraft
  • Japan: Photovoltaik –Technologieführerschaft, Energieeffiziente Weiße Ware
  • Brasilien: Biokraftstoffe, Energieeffiziente Weiße Ware
  • Russland: Wärmedämmung, Geothermie
  • Indien: Windkraft, Photovoltaik
  • China: Photovoltaik, Windkraft

Bedarfsschwerpunkte von Umwelttechnologien

  • USA: Anlagen für Biokraftstoffe, Windkraft
  • Japan: Photovoltaik, Weiße Ware
  • Brasilien: Wasserkraft, Biokraftstoffe
  • Russland: Wärmedämmung, Energieeffiziente Weiße Ware
  • Indien: Wasserkraft, Heiz- und Klimatechnik
  • China: Windkraft, Solarthermie

 

*) Quelle: Umwelttechnologie-Atlas für Deutschland 2009