1956-1962

Die VÖEST bis zum Beginn der Konzernierung

Montagearbeiten an der Stahlkonstruktion der Europabrücke (1962)

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre kommt es zu einer erheblichen Steigerung der Produktionstätigkeit und der Umsätze im In- und Ausland.

1956 erwirbt die VÖEST die gesamten Kapitalanteile der LD-Lizenz-verwertungsgesellschaft BOT (Brassert Oxygen Technik AG, Zürich). Diese Gesellschaft verwaltet die LD-Patente und deren Verwertung durch die Vergabe von Lizenzen. Ein Jahr später tritt die VÖEST die Hälfte der Kapitalanteile der BOT an die Österreichisch-Alpine Montangesellschaft, die an der Entwicklung des LD-Verfahrens beteiligt war, ab.

1957 beginnt die VÖEST mit der Konstruktion von Hochseeschiffen zum praktischen Beweis der vollen Eignung von LD-Stahlblechen für den Schiffsbau und um eine gewisse Stabilisierung der Frachtkosten für die umfangreichen überseeischen Rohstoffbezüge zu erreichen. Insgesamt laufen bis 1967 vier Hochseefrachtschiffe – Linzertor, Wienertor, Kremsertor und Buntentor – vom Stapel.

Die VÖEST beginnt 1958 gemeinsam mit der Firma Fried. Krupp, Essen, in Rourkela (Indien) mit der Errichtung des ersten LD-Stahlwerks außerhalb Österreichs. Das markiert auch den Einstieg der VÖEST in den internationalen Industrieanlagenbau. Im selben Jahr wird am gesamten LD-Stahlwerk 1 die Entstaubungsanlage nach mehrjähriger, intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeit sowie der Erprobung an zwei der drei Tiegel und verschiedenen Verbesserungen fertig gestellt. 1958 nimmt auch die 4,2-Meter-Grobblechstraße im Werk Linz die Produktion auf, und 1959 wird das LD-Stahlwerk 2 in Betrieb genommen.

Die öffentliche Verwaltung der VÖEST, die seit Kriegsende existierte, wird 1959 durch ordentliche aktienrechtliche Organe abgelöst. Die VÖEST bekommt einen Vorstand, einen Aufsichtsrat und eine Hauptversammlung.

1960 wird die Geschäftsführung der Wiener Brückenbau und Eisenkonstruktions AG (WBB; später VOEST-ALPINE Hebetechnik- und Brückenbau AG) an die VÖEST übertragen.

Im selben Jahr geht der werkseigene Hafen nach Beendigung des Ausbaus in Betrieb, und 1962 wird u. a. ein nach den neuesten technischen Erkenntnissen umgebauter Hochofen in Betrieb genommen. Die dafür notwendigen Arbeiten und Planungen wurden von Mitarbeitern der VÖEST durchgeführt. Weiters wird die selbstgebaute zweite Kaltwalzwerksanlage in Betrieb genommen und die Produktion von plattierten Blechen begonnen.

Die Investitionstätigkeit wird in erster Linie auf eine Modernisierung und Rationalisierung der Produktionseinrichtungen abgestellt. Im Geschäftsbericht 1962 heißt es dazu:

Die geschaffene Erzeugungskapazität ist dabei dem Bedarfszuwachs vorausgeeilt; die heute schon bestehende Kluft zwischen Erzeugungs- und Absatzmöglichkeiten wird sich nach Fertigstellung der in Bau befindlichen zusätzlichen Hüttenwerksanlagen noch erweitern. Nach dem wirtschaftlichen Grundgesetz von Angebot und Nachfrage mußte dadurch eine Verschärfung des Konkurrenzkampfes und damit ein Verfall der Eisenpreise unausweichlich eintreten. Zu den auf diese Weise verursachten hohen Erlöseinbußen gesellen sich aber noch namhafte Kostenverteuerungen, und zwar im besonderen bei den Personalaufwendungen.