"Das ist eine dramatische Situation"

4. März 2010

Für die Europäische Union ergibt sich durch die Wirtschaftskrise eine einmalige Gelegenheit, die energie- und klimapolitischen Ziele mühelos zu erreichen, meint der Wifo-Energieexperte Stefan Schleicher von der Universität Graz. Eine erhöhte Energieeffizienz soll dafür der Hebel sein. Der Energiewirtschaftsexperte im Interview über überhöhte Ölpreise, in die Irre laufende Energiestrategie-Diskussionen und den Charme von Elektroautos.

 

"Der Ölpreis wird von den Finanzmärkten gemacht"


Herr Professor Schleicher, beim Ölpreis wundern sich nicht nur Ölbohrunternehmen derzeit über die hohen Preise. Öl ist anscheinend im Überfluss vorhanden. Bei dem derzeitigen Überangebot würde man nur von der Hälfte des Preises – also von knapp 40 Dollar pro Barrel – ausgehen können. Warum geht diese Rechnung nicht auf?

Das ist eine interessante Fragestellung. Ich hatte vor kurzem die Möglichkeit, den Researchdirector der OPEC zu hören. Auch er ist der Meinung, dass derzeit genug Öl vorhanden ist. In den Lagern ist Erdöl für mehr 60 Tage. Und auch in den  schwimmenden Lagern, den Tankern, gibt es noch einmal Öl für 15 Tage. Viele mehr als normal üblich. Alle Indikatoren deuten daher darauf hin, dass der Ölpreis viel zu hoch ist.

Was sind die Gründe?

Der Erdölpreis wird in Wirklichkeit von den Finanzmärkten gemacht. Der Handel auf den Finanzmärkten macht durch die Derivate auf Öl ungefähr 20-mal den Wert des real vorhandenen Öls aus.

 

"Die Motorisierung Chinas und Indiens ist sicher nicht mehr zu schaffen"

Spekulationskapital also?

Ja. Die Finanzmärkte dominieren auch hier. Und die Finanzmärkte halten den Preis hoch, weil die Erwartung vorherrscht, dass in etwas längerer Frist das Erdöl schon knapp werden wird. Die Situation kann in ein, zwei Jahren ganz anders aussehen.

Ist es nun mit dem Öl bald vorbei?

Man muss es differenziert betrachten. Dass es einen Öl-Peak gegeben hat oder dass es in Kürze einen geben wird, ist unbestritten. Man braucht nur für Indien und China die europäischen, nicht einmal die amerikanischen Pro-Kopf-Verbräuche für Erdöl hochzurechnen, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass man die heutige Ölproduktion verdoppeln müsste. Das ist eine dramatische Situation. Die Motorisierung Chinas und Indiens ist sicher nicht mehr zu schaffen.


"Mit Kopenhagen hat sich Klimadiskussion fundamental verändert"

Kopenhagen ist Geschichte. Das Ergebnis der Klimakonferenz war mit der Übereinkunft, die Temperatur im Durchschnitt nicht mehr als zwei Grad ansteigen zu lassen, minimal. Jetzt ist man dabei, die Energiepolitik nach Kopenhagen neu zu bewerten. Ist wieder „business as usual“ angesagt?

Mit Kopenhagen hat sich die Klimadiskussion fundamental verändert. Es gibt eine De-facto-Abkehr von der Kyoto-Architektur, die noch Verpflichtungen vorsah, die Ziele gemeinsam zu kontrollieren und zu erfüllen. Die Kopenhagener Architektur sieht nur mehr vor, dass die einzelnen Staaten von sich aus bekannt geben, welchen Intentionen sie folgen. Aber es gibt nun keine Mechanismen der Überprüfung mehr, geschweige denn die der Sanktionen. Es ist wesentlich unverbindlicher geworden.

Auch die EU könnte nun von ihren klima- und energiepolitischen Zielen abrücken, munkeln einige. Hat das Scheitern der Kopenhagener Klimakonferenz Auswirkungen auf die EU?

Eigentlich nicht. Innerhalb der EU gibt es ganz klare Mechanismen der Zielerfüllung. Die EU ist da wesentlich verbindlicher. Zudem hat sich die EU schon im Dezember 2008 festgelegt, dass ihre Ziele unabhängig von allen anderen Vereinbarungen gelten. Man hatte nur noch die Option, die Ziele auf eine 30-prozentige CO2-Reduktion zu erhöhen, wenn auch andere Länder – vor allem die USA und China –glaubwürdige Klimaziele formulieren. Das aber ist nicht der Fall. Was wir derzeit an selbst angekündigten Zielen sehen, wird in keiner Weise dem Kopenhagen-Ziel, maximal zwei Grad Celsius an Erderwärmung zu akzeptieren, gerecht.

Die EU wird also bei ihren Klimazielen bleiben, was auch immer die anderen tun.

Das hat sie angekündigt.

Wie realistisch sind aber die EU-Ziele selbst? Kann man bis 2020 eine 20-prozentige CO2-Reduktion bei gleichzeitigem Einsatz von mindestens 20 Prozent erneuerbarer Energie und 20 Prozent effizienterem Energieeinsatz erreichen?

Aus der derzeitigen Sicht sind diese Ziele kein Problem, weil – so unangenehm das auch klingen mag – die Wirtschaftskrise den Energieverbrauch deutlich reduziert hat und wir derzeit nicht abschätzen können, wie es wirtschaftlich weitergehen wird. Wir alle hoffen natürlich, dass wir wieder auf Normalzustände kommen. Aber es ist durchaus möglich, dass wir in der Zwischenzeit gelernt haben, mit der Energie effizienter umzugehen. Das heißt, ich halte die Erfüllung der EU-Ziele für sehr realistisch.

Zielerfüllung also durch die „Hilfe“ der Wirtschaftskrise?

Die Wirtschaftskrise hat zwei Effekte: Akut ist der Bedarf an Produktion zurückgegangen, das hat natürlich auch zu einem geringeren Energieverbrauch geführt. Der zweite Effekt aber ist der: Durch die Schwierigkeiten, die die Unternehmen gehabt haben, wurden innerhalb der Unternehmungen Effizienzprogramme gestartet, einfach um Kosten zu sparen. Es könnte durchaus sein, dass dadurch bereits lang andauernde Effekte ausgelöst wurden.

Der große Hebel in der Diskussion über Energiestrategien ist also nicht der Umstieg auf Wasser, Wind und Sonne, sondern die Energieeffizienz?

Ja, die meisten Diskussionen über Energiestrategien laufen von Anfang an in die Irre, weil sie mit der Frage beginnen, wie man die großen Mengen an Fossilenergie entweder aus anderen Gegenden beziehen kann, die sicherer sind, oder wie man diese durch erneuerbare ersetzen kann. Beides aber ist eine Illusion. Es ist undenkbar, dass wir verlässlichere Partner als die jetzigen finden. Man braucht nur an Erdgas, Stichwort Nabucco und der Iran, zu denken. Wo immer Sie hinschauen, ist die politische Situation heikel.

Bei Gas gibt es derzeit keine Engpässe, sondern  durch neue Funde, wie beispielsweise Shalegas, geradezu eine neue Gassschwemme.

Es gilt immer das gleiche Argument. Wie viel kostet es, Energie aufzubringen, wie viel kostet es, diese an den Verbraucher zu bringen? Und wie viel kostet es, die Effizienz zu verbessern? Alle diese neuen Gasmöglichkeiten haben zwei Eigenschaften: Erstens sind sie sehr, sehr teuer. Und die zweite Eigenschaft: Wie bringe ich das eigentlich ausreichend zur Verfügung stehende Gas zu den Verbrauchern? Gas gibt es sicher noch genug, aber nicht dort, wo es gebraucht wird. Deshalb kommt man auch auf die Idee, Gas zu verflüssigen und als „liquified natural gas“ – LNG – um die ganze Welt zu transportieren, obwohl beim Verflüssigen und Entflüssigen mehr als ein Drittel der Energie verloren geht. Pipelineprojekte wie Nabucco haben da immer  auch mit politischen Instabilitäten zu kämpfen. Hinzu kommt, dass Russland bei Gas peinlich darauf schaut, dass es nicht an Dominanz verliert.


"Energieeffizienz ist der größte Hebel"

Wenn man Ihre Meinung zusammenfasst, dann heißt das: Die Energieeffizienz zu erhöhen ist das Wichtigste, und dann schauen wir, woher wir den Rest der Energie herbekommen.

Energieeffizienz ist sicher der größte Hebel. Wenn man sich die österreichische Energiebilanz anschaut, dann sieht man, dass die Hälfte des Energieverbrauchs in Gebäude und Fahrzeuge geht. Bei beiden Bereichen ist es sehr naheliegend, hier einen Technologiesprung zu setzen. Die Parole müsste sein, in den nächsten Jahren die Gebäude zu energetischen Selbstversorgern zu machen und – was sich schon abzeichnet – Gebäude zu kleinen Kraftwerken zu machen, sie in Energieplus-Häuser zu verwandeln. In 15 bis 20 Jahren könnte den Energieverbrauch der Gebäude dann kaum mehr ein Zehntel des jetzigen Verbrauchs benötigen. Statt mit der Hälfte würden sich die Gebäude nur mehr mit fünf Prozent im Gesamtenergieverbrauch niederschlagen. Bei der Mobilität wäre es ähnlich. Auch hier könnte die Energieeffizienz um den Faktor 10 gesteigert werden.

Biodiesel kann da wohl nicht die Lösung sein …

Speziell wenn man an Treibstoffe denkt, ist es undenkbar, dass man die derzeitigen Volumen durch Agrotreibstoffe ersetzt. Es ist vor allem die Elektromobilität, die Charme hat. Die eingesetzte Energie kann schon heute viermal effizienter verwendet werden als bei Verbrennungsmotoren. Wenn man Autos noch weiter verbessern, etwa leichter bauen könnte, dann wäre es denkbar, dass man mit Elektroautos die gleichen Kilometerleistungen in Zukunft mit einem Viertel bis zu einem Zehntel der jetzigen Energiemengen zustande bringt.

Für Elektroautos braucht man eine ganz neue Infrastruktur, neue Tankstellen, Batterieaufladezonen. Ist das nicht ein Problem?

Es beginnen jetzt in Europa die ersten Markteinführungen für Elektromobilität. Ich finde es schade, dass Österreich da nicht dazugehört. Dabei hat man erkannt, dass die Infrastruktur ein eher geringeres Problem darstellt, weil wir elektrische Leitungen praktisch überall haben. Es kommt nur darauf an, kluge Andockstellen zwischen Autos und Netz zu schaffen. Über die Batterien schafft man sich zudem eine Speicherfunktion für das Netz. Gerade beim Übergang zu erneuerbarer Energie mit Solar- und Windkraft sind solche Netzspeicher sehr hilfreich, weil Wind und Sonne ja nicht kontinuierlich anfallen.

Im Bereich der erneuerbaren Energien gibt es derzeit auch noch Projekte wie etwa DESERTEC, bei dem man mit Investitionen von 450 Milliarden Euro Strom aus Solar- und Windkraftwerken aus der Sahara nach Europa leiten möchte. Wäre das nicht auch eine Lösung für Europas Energiestrategie?

Ich sage es so: Man soll immer wieder über solche Lösungen diskutieren. Aber man soll nicht der Meinung sein, dass dies so etwas wie der große Rettungsanker ist. Da wird das Kostenargument schlagend: Man sollte vergleichen, was kostet eine Investition auf der Aufkommensseite, also auf der Seite, woher ich Energie bekomme, und wie viel kostet die Investition, wenn ich Energie effizienter und ohne Komfortverlust einsetzen und verwenden kann. Da stellt sich aber in vielen Fällen heraus, dass die Investitionen aufkommensseitig einfach teurer sind als Einsparungsinvestitionen.

Ein Beispiel?

Es ist wesentlich günstiger, ein Haus aus der Nachkriegszeit auf Niedrigenergiestatus zu bringen, als das Gebäude mit teurer Energie zu versorgen. Eine gute Wärmedämmung kann nur ein Geschäft sein.
 

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