Stahl bei MotoGP am Start: Sebastian Risse von KTM im Interview 4 Minuten Lesezeit
Mobilität

Stahl bei MotoGP am Start: Sebastian Risse von KTM im Interview

Volkmar Held

Zum MotoGP am Red Bull Ring starten sie wieder: Die Motorräder von KTM mit Rahmen aus voestalpine-Stahlrohr. Vor dem Spielberg-Rennen 2017 konnten wir Sebastian Risse, Technischer Leiter MotoGP bei KTM, Fragen zu Entwicklungswegen, Motivationsbremsen und Stahlrahmen stellen.

KTM ist in das Abenteuer MotoGP, die Königsklasse des Motorradrennsports, neu eingestiegen. Welche Erwartungen haben sich erfüllt?

Sebastian Risse: Wir wussten, dass es in der MotoGP nicht einfach wird und dass wir viele Erfahrungen machen müssen. Jetzt befinden wir uns mitten im Prozess und gehen offen an die täglich auftauchenden Fragen und Nachbesserungen heran. Wichtig ist immer bereit zu sein, alle Bereiche zu hinterfragen. Nur so werden wir die Schritte machen können, die uns näher und näher an die Spitze bringen. Jedes Wochenende läuft das Rennen auf einer anderen, uns noch unbekannten Strecke – dabei entwickeln wir uns und die Technik von Wochenende zu Wochenende weiter.

Wie kann man denn diesen wöchentlichen Rennrhythmus und die allgemeine Planung zur Weiterentwicklung von Technik und Team unter einen Hut bringen?

Man muss die richtige Balance finden zwischen den allgemeinen Tests und der Weiterentwicklung einerseits und der normalen Abstimmung für die jeweiligen Rennstrecken andererseits. Das gilt vor allem für Rennstrecken, auf denen man vorher noch nicht war. Das heißt für uns, dass wir größere Chancen auf technische Fortschritte haben, wenn wir an bekannte Strecken kommen, von denen uns bereits Daten vorliegen. Das macht das ganze Rennwochenende einfacher. Wir können dann auch in einem Rennwochenende technische Veränderungen vornehmen und uns sicher sein, dass die Ergebnisse allgemeingültig sind. Test und Rennen zu trennen gelingt nie 100 %ig; es gibt da immer etwas im Hinterkopf oder im LKW, was das Motorrad schneller machen könnte. Aber da muss man genau abwägen und die „riskanten“ Dinge dem Test vorbehalten.

Spannung beim Rennen in der Box von KTM-Fahrer Bradley Smith, links: Sebastian Risse (© KTM/Philip Platzer)

Die KTM-Rennmodelle von Red Bull KTM Factory Racing setzen als einzige im MotoGP Stahlrahmen ein. Aus welchem Grund?

Vor allem, weil bei KTM ein grundlegendes Know-how in diesem Bereich vorliegt. Wir haben mehr Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich der Stahl- als auf dem Gebiet der Alurahmenfertigung. Bei Stahlrahmen sind wir Marktführer, diesen Vorteil nutzen wir und lernen im MotoGP dazu, um dieses Konzept weiter voranzubringen und vielleicht später in den Serienprozess zu überführen.
Stahlrahmen bieten ein hohes Verbesserungspotenzial, das heißt, sie verfügen über Vorteile, die man nutzen kann, um schnell voranzukommen. Sie sind schnell zu modifizieren, denn sie bieten durch ihre Gitterrohrstruktur viele Parameter, die getrennt eingestellt werden können, wie z. B. Wandstärke oder Rohrdurchmesser. So können schnell Varianten erstellt werden, ohne dass jedes Mal eine Neukonstruktion des Rahmens notwendig ist. Dadurch erreichen wir Fortschritte schneller.

Apropos Fortschritt. Die Elektrifizierung von Fahrzeugen macht auch vor den Zweirädern nicht halt. Wie passen aus deiner Sicht „Ready to Race“ und E-Mobilität zusammen?

Wir beobachten die Entwicklung in der E-Mobilität genau. Am Rennmotorrad ist bereits viel elektrifiziert – soweit es das Reglement zulässt. Wir müssen an den Themen Batterietechnologie dranbleiben und an den damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen. In den kleineren Klassen wie Moto3 haben wir schon Erfahrungen mit batteriebetriebenen Motorrädern gesammelt; da geht es vor allem um die Energiedichte, die noch steigen muss. Hybrid- oder E-Bike-Technologie kommt aber bei uns noch nicht zum Einsatz. Das wird sicher früher oder später kommen. KTM ist darauf gut vorbereitet.

Von außen betrachtet enden Motivation und Ehrgeiz bei KTM nie. Wie sieht es denn mit der Dynamik des jungen MotoGP-Teams aus?

Unser Team ist wirklich hochmotiviert, da muss niemand „angekurbelt“ werden. Als Leiter muss ich da vor allem die hohe Eigenmotivation der Teammitglieder in die gewünschte Richtung lenken, Maßstäbe setzen und Risiken erwägen. Wir müssen die richtige Balance zwischen der eingesetzten Energie und dem gewünschten Ergebnis finden. Energie und Ideen gehen uns nicht aus – eher die Zeit.

Teambesprechung mit Fahrer Pol Espargaro (2. von links), (© KTM/S. Romero)

Und die ist knapp bemessen. Am 13. August steigt das Rennen auf dem Red Bull Ring Spielberg: das erste richtige Heimrennen seit der Präsentation des Teams im vergangenen Jahr. Wie hoch ist da der Druck auf das Team?

Ich freue mich sehr auf Spielberg. Hier haben wir im letzten Jahr sehr positive Erfahrungen gesammelt. Die Strecke passt zu unserem Bike und die Motivation ist in allen Bereichen riesig. Natürlich wird man uns eine besonders hohe Aufmerksamkeit widmen. Die halbe KTM-Belegschaft ist dann sicher vor Ort. Wir sehen das weniger als Druck, sondern betrachten es positiv als Motivation, die wir am Wochenende in entsprechenden Erfolg umsetzen wollen.

 

© KTM/Philip Platzer

Sebastian Risse

Technischer Leiter MotoGP bei KTM
34 Jahre, aus der Kölner Gegend (D)
Studium Maschinenbau (Fahrzeugtechnik)
2008 als Praktikant bei KTM
ab 2009 im Motorsport zuständig für das Superbike-, dann Moto3- und schließlich für das MotoGP-Projekt