Macht Stahl die schärfere Klinge? 4 Minuten Lesezeit
Mobilität

Macht Stahl die schärfere Klinge?

Timo Völker
Timo Völker is head of the motorsports section at "Die Presse", a daily newspaper in Austria.

Mit Technologie der voestalpine: Der erstaunliche „österreichische“ Weg von KTM Red Bull Factory Racing in der MotoGP. Von Motorsport-Journalist Timo Völker.

Was macht ein Rennauto schnell? Bis in die Sixties war die Antwort einfach: ein starker Motor und ein begnadeter Fahrer. Der Grip, also die Haftung des Fahrzeugs auf der Straße, wurde rein mechanisch hergestellt – über das Fahrwerk und die Reifen. 1968 führte Lotus beim Grand Prix von Monaco eine neue Disziplin ein. Der Lotus 49B, gefahren vom Engländer Graham Hill, trug einen kleinen Flügel an der Schnauze und läutete damit das Aerodynamik-Zeitalter in der Formel 1 ein. Hill startete aus der Pole Position und gewann das Rennen. Aber auch ohne diesen Erfolg hätte sich die neue Technologie schnell durchgesetzt – die anderen Teams folgten mit Flügelvarianten noch in der gleichen Saison. Zu welcher alchemistischen Wissenschaft sich die Aerodynamik inzwischen entwickelt hat, verrät das komplexe Strömungsgewirr der unzähligen Luftleitelemente in allen Formen und Größen, wie sie Formel 1-Autos heute prägen.

Bei Rennmotorrädern ist naturgemäß weniger Platz für Flügel, Spoiler und Winglets (Zusatzflügel). Das dennoch bestehende Potenzial wurde in dieser MotoGP-Saison vom Reglement eingeschränkt, man will sich auf kein teures Wettrüsten im Windkanal einlassen. Wie man allerdings beim Grand Prix von Brno beobachten konnte, hat Ducati dennoch eine neue, nach eigenen Aussagen problemlos homologierte Version mit prägnanten aerodynamischen Luftleitelementen an der Front eingesetzt. Der Erfolg blieb den Italienern verwehrt – fürs Erste.

Die Kunst der perfekten Balance

Copyright: Philip Platzer KTM Media Library

Worum es in der Königsklasse auf zwei Rädern generell geht? Die Antwort mag banal klingen: um die perfekte Balance aller Komponenten. Pure Leistung ist zwar unabdingbar, jedoch im Unterschied zur Generation der brachialen 500er-Zweitakter, die nur eine Handvoll Unerschrockener beherrschen konnte, nur ein Baustein von vielen. Maximale Power – offizielle Zahlen gibt es nicht, doch kann man von gut 260, vielleicht sogar 270 PS am Hinterrad ausgehen – braucht es für die Geraden, in den Kurven zählt jedoch die Kontrolle der Kraft, um sich nicht mit zu viel Wheelspin (Reifen dreht durch, Reifenoberfläche erhitzt sich übermäßig) den Reifen zu ruinieren oder durch exzessive Power-Wheelies (Vorderrad in der Luft) die Ideallinie zu verfehlen.
Das regelt zum einen die Elektronik, zum andern das gute, alte Chassis (Fahrgestell), das den Fahrer die Befindlichkeiten der Maschine, die er reitet, in allen Nuancen spüren lässt. Und damit sind wir beim bemerkenswerten Sonderweg, den MotoGP-Newcomer KTM Red Bull Factory Racing beschritten hat.

Den österreichischen Weg, sozusagen.

Sehen wir uns die KTM RC16 an. Die Geheimnisse des komplett selbst entwickelten Motors hütet KTM eifriger als Coca-Cola seine Limonadenformel. Der 90-Grad-V4 mit 1.000 Kubikzentimetern Hubraum dreht angeblich bis an die 19.000 Touren. Ist er ein Screamer oder Big Banger? Falsche Frage, hat KTMs technischer Direktor Sebastian Risse angedeutet: Es gibt bereits etwas dazwischen. Wem die Begriffe nicht so geläufig sind: Screamer bezeichnet Motoren mit regelmäßiger Zündabfolge, was zu einem kreischenden Klangbild führt, Big-Bang bedeutet unregelmäßige, zusammengerückte Zündfolgen, die einen tieferen Klang ergeben. Während die Leistungswerte insgesamt gleich bleiben, liegt der Unterschied in der Art der Kraftabgabe – und damit in der Rückmeldung, die ein Profirennfahrer beim Gasgeben vom Hinterrad erhält.

Die elementare Besonderheit des einzigen österreichischen Teams im Feld liegt allerdings buchstäblich zwischen Motor und Fahrer: KTM Red Bull Factory Racing ist das einzige MotoGP-Team, das mit Stahlrohrrahmen antritt. Die Technologie dafür stammt von der voestalpine, KTM hat einige Jahre Erfahrung mit dem vielseitigen Werkstoff. Im Serienfahrzeugbau reüssiert Stahlrohr-Hightech der voestalpine durch zunehmende Anforderungen an Gewicht und Sicherheit. Denn die Technologie bringt beides: Leichtbau und hohe Festigkeit.

Das kann auch im Rennsport kein Nachteil sein. KTM hat mit allen Varianten experimentiert und getestet – mit Alu hat man in den kleinen Klassen ja schon viel Erfahrung gemacht –, sich schlussendlich aber für den Stahlrohrrahmen entschieden. „Wir kennen die Stärken des Werkstoffs“, ließ Sebastian Risse wissen. Zum Risiko, dass Stahlrahmen durch die vielfältige Bearbeitung mit Schweißnähten etc. zu unterschiedlichen Eigenschaften von Exemplar zu Exemplar führen könnten, sagte Testrider Mika Kallio: „Ich spüre immer den Unterschied zwischen den Bikes, aber hier, mit zwei gleichen Stahlrahmen, konnte ich keinerlei Unterschied feststellen – es ist beeindruckend.“

In der Branche hat KTM dieser Sonderweg viel Applaus gebracht. Jetzt – am besten natürlich gleich beim kommenden Heim-Grand Prix in Spielberg – hoffen wir auf schöne Resultate von Pol Espargaró und Bradley Smith auf ihren KTM Red Bull RC16, in der Technologie der voestalpine mitfährt. Das Abenteuer hat gerade erst begonnen.

Timo Völker